Geschichte des
Reichsbanner
Schwarz
Rot
Gold
1. aus: SPD - Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (s. Literatur):
Das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund deutscher Kriegsteilnehmer und Republikaner" entstand als Reaktion auf die rechten Putschversuche des Jahres 1923. Es sollte Versammlungen und Kundgebungen der republikanischen Kräfte vor Störern schützen und als paramilitärischer Verband auch direkt abschreckend gegenüber rechtsextremistischen Umtrieben wirken. Der sozialdemokratische Oberpräsident von Sachsen, Friedrich Otto Hörsing, betätigte sich im Februar 1924 maßgeblich als Gründervater, mit Unterstützung von Otto Wels. Obwohl offiziell überparteilichen Charakters, blieb das "Reichsbanner" de facto eine sozialdemokratisch dominierte Organisation. Ca. 90 % seiner Anhänger waren sozialdemokratische Mitglieder oder Sympathisanten.
Die ca. 1 Million starke Organisation hatte für ihre Führungsspitze einige prominente Bürgerliche gewinnen können, wie Joseph Wirth vom Zentrum, den DDP-Vorsitzenden Koch-Weser, Ernst Lemmer, den Ex-General Berthold von Deimling oder den Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", Theodor Wolff. Auch Wilhelm Marx war, allerdings nur von 1925-27, Mitglied des "Reichsbanners".
Während sich aus DDP und Zentrum vor allem "linke" Politiker dem Kampfverband anschlossen, so waren es aus dem sozialdemokratischen Lager fast ausschließlich die Parteirechten. Besonders der national gesinnte Hofgeismarer Kreis der Jungsozialisten identifizierte sich voll mit der ideologischen Ausrichtung der paramilitärischen Organsisation.
Für die Linken um Seydewitz und Levi stellte das "Reichsbanner" ein Ärgernis dar, das mit seiner Bündniskonzeption die Klassengegensätze mit republikanischen Phrasen verkleistere und die "fleischgewordene große Koalition" sei. Damit wandten sich die Linken vor allem gegen das, was am "Reichsbanner" am wenigsten zu kritisieren war. Die Idee einer Bündnisorganisation, die sich dem fortschrittlichen Bürgertum öffnete und Schutzfunktionen gegenüber der extremen Rechten ausübte, konnte nur von einem extrem dogmatischen Politikansatz aus in Zweifel gezogen werden. Fragwürdig war vielmehr die nationalistisch-großdeutsche Ausrichtung des Verbandes, welcher unverhohlen den "Anschluß" Österreichs ans Reich forderte und damit die Friedenspolitik der SPD in Zweifel zog.
In Form und Inhalt näherte sich die paramilitärische Organisation außerdem auf gefährliche Weise den rechten Konkurrenzorganisationen. Die Beschwörung einer angeblichen "Volksgemeinschaft", die Anwendung des Führerprinzips in der inneren Organisation (der "Bundesführer" befehligte die "Gauführer"), die Pflege des Wehrsports, der Frontsoldatenkameradschaft und die Gründung eines Bundes republikanischer Kleinkaliberschützenvereine ließ nicht nur die pazifistische Minderheit in der Partei aufhorchen.
Die Reichsbannerführer gerieten außerdem in Gegnerschaft zu Parteivorstand und führenden politischen Repräsentanten, weil sie eigenbrötlerische und populistische Verbandspolitik ohne Rücksicht auf die Partei verfolgten.
Der erste Vorsitzende des Reichsbanners, Friedrich Otto Hörsing, wurde aus diesen Gründen bereits 1927 von der sozialdemokratisch geführten preußischen Regierung vom Amt eines sächsischen Oberpräsidenten enthoben und 1932 sogar aus der Partei ausgeschlossen. Der Gebrauch rechter Diktion erklärte sich zum einen aus populistisch-opportunistisch Gründen, zum anderen aber aus dem Bemühen der Hofgeismarer Jungsozialisten um Theodor Haubach, Carlo Mierendorff und Franz Osterroth, Begriffe wie "Nation", "Vaterland" und "Volksgemeinschaft" nicht der extremen Rechten zu überlassen. Anstatt die Fragwürdigkeit dieser ideologischen Kampfbegriffe aufzudecken, wollte die Parteirechte damit der extremen Rechten Konkurrenz machen, was scheitern mußte.
In seiner Ausrichtung neigte das Reichsbanner außerdem eher dazu, die rechtsextremistische Gefahr zu unterschätzen und die linksextreme zu überschätzen. Die Gleichsetzung von "Nazis" mit "Kozis" unterminierte weitgehend den ursprünglich intendierten Charakter als antifaschistische Bündnisorganisation. Gegenüber Stahlhelm und noch weit mehr gegenüber der SA zeigte sich die Organisation weitgehend zahnlos.
Das Reichsbanner insgesamt war gegen Ende der Weimarer Republik nicht viel mehr als ein sozialdemokratischer Wehrsportverein zur Pflege soldatischer Tugenden ohne großen Abschreckungswert gegenüber den sich formierenden republikfeindlichen Kräften.
aus: Bertelsmann Universallexikon 1995
"Reichsbanner (Weimarer Republik)"
R. Schwarz-Rot-Gold, 1924 gegr. republikan. Wehrverband auf der Basis der Weimarer Koalition (SPD, DDP, Zentrum); 1932 Zusammenschluß mit den Freien Gewerkschaften zur "Eisernen Front" gegen den Rechtsradikalismus, 1933 verboten.
Von den Nazis, insbesondere von der SA als "Reichsjammerlappen!" verhöhnt.
Literatur:
- Freiheit - Das Reichsbanner Schwarz Rot Gold und der Kampf von Sozialdemokraten in Hessen gegen den Nationalsozialismus 1924-1938 / von Axel Ulrich, herausgegeben vom SPD-Bezirk Hessen-Süd und der Union-Druckerei und Verlaganstalt GmbH, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-922454-11-9
- SPD - Geschichte der deutschen Sozialdemokratie (Teil 1 bis 1993) CD-ROM / von Dr. Robert Hofmann, herausgegeben vom Bayerisches Seminar für Politik e.V., München 1996