Aufmarsch vor dem Sonnenblumenhaus
Rechtsextreme rüsten auf in Mecklenburg-Vorpommern, wo am 27. September auch der Landtag gewählt wird
Von Heike Kleffner (Rostock)
"Meine Waffe ist die Sprache", sagt Nguyen Do Thinh in fast
akzentfreiem Deutsch. Der 35jährige Schlossermeister und
Sozialarbeiter ist Vorsitzender von "Dien Hong - Gemeinsam unter einem
Dach". Der Verein hat nach den Ausschreitungen in
Rostock-Lichtenhagen Ende August 1992 eine vietnamesisch-deutsche
Begegnungsstätte in dem Plattenbau mit dem matt-braunen
Sonnenblumenmosaik aufgebaut, das von mehreren hundert Jugendlichen
mit Steinen beworfen und schließlich in Brand gesetzt worden war.
Längst geht es Nguyen Do Thinh nicht mehr nur um die Aufarbeitung der
Ereignisse vor sechs Jahren. Im Vordergrund steht heute die
unspektakuläre Integrationsarbeit: Beratungsangebote für die etwa 600
in Rostock verbliebenen vietnamesischen Vertragsarbeiter,
Deutschkurse, die verstärkt von russischen Aussiedlern genutzt
werden; in einem weiß verputzten Kellerraum spielen deutsche,
vietnamesische und russische Jugendliche Tischtennis und Billard.
Auch wenn nichts mehr am Sonnenblumenhaus an die Brandnächte
erinnert, wenn Asia-Shops und vietnamesische Imbißstände neben dem
Einkaufszentrum Kunden anlocken: Die Stimmung in Lichtenhagen ist
angespannt, seitdem bekannt wurde, daß die rechtsextreme NPD zum
Abschluß ihres Landtags- und Bundestagswahlkampfs am 19. September
einen Aufmarsch mit Kundgebung vor dem Sonnenblumenhaus plant. Bisher
sind die schwarz-weiß-roten Plakate der NPD mit den rassistischen
Parolen auf Stammtischniveau vor allem in ländlichen Gemeinden
Mecklenburg-Vorpommerns zu sehen. Doch Nguyen Do Thinh spürt die sich
verändernde Atmosphäre an Blicken beim Einkaufen und Pöbeleien gegen
vietnamesische Imbißbesitzer. Im Keller der Begegnungsstätte haben
deutsche Jugendliche vor kurzem Hakenkreuze in den Billardtisch
geritzt, "wohl um zu testen, wie wir darauf reagieren würden".
Für Nguyen Do Thinh ist der NPD-Aufmarsch "ein deutsches Problem".
Auch wenn er hofft, daß "deutsche Institutionen etwas dagegen
unternehmen", sieht er sich zum ersten Mal "seit Jahren" wieder mit
den Erinnerungen an die Nacht vom 24. August 1992 konfrontiert. An
die "Ohnmacht, Wut, Traurigkeit und Enttäuschung", als er mit 115
Landsleuten und einem ZDF-Kamerateam vor den Flammen der
Molotow-Cocktails, die Wohnung um Wohnung in Brand setzten, auf das
Dach des Hauses flüchten und zwei Stunden lang auf Hilfe von Polizei
und Feuerwehr warten mußte. Nguyen Do Thinh hat direkt am nächsten Tag
das Gespräch mit den Zuschauern und den Steinewerfern gesucht. Er ist
nach wie vor davon überzeugt, daß viele rechtsgerichtete Jugendliche
am besten entwaffnet werden können, indem man auf sie zugeht und sie
anspricht. Das bestätigen auch diejenigen unter den heute Anfang
Zwanzigjährigen, die damals Steine warfen, "weil es cool war" und
"man dazugehören wollte". Einige von ihnen fanden in den Jahren nach
1992 den Weg in einen der beiden Jugendclubs im Stadtteil. Gemeinsame
Ferienfahrten mit vietnamesischen Jugendlichen und Besuche in der
Begegnungsstätte haben dazu geführt, daß diese jungen Erwachsenen
heute sagen: "Keinen Bock darauf, daß die NPD nach Lichtenhagen
kommt."
Bei den vorigen Landtagswahlen wurde in Lichtenhagen mehrheitlich SPD
und PDS gewählt. NPD und Republikaner erhielten weniger als ein
Prozent der Stimmen. Ronny Grubert, Direktkandidat der NPD aus
Rostock-Lichtenhagen für die Bundestagswahl, ficht das nicht an: Wenn
er, wie bei einer Veranstaltung in einem chinesischen Restaurant im
Rostocker Neubauviertel Schmarl, mit bebendem Hitlerbärtchen und sich
überschlagender Stimme vor mehr als hundert meist jugendlichen
Skinheads und angereisten NPD-Funktionären aus den alten
Bundesländern im Fall eines rechten Wahlerfolgs das Ende der
vietnamesisch-deutschen Begegnungsstätte androht, ist er sich
gröhlenden Beifalls gewiß. Der 26jährige Grubert räumt offen ein, daß
der Aufmarsch seiner Partei vor dem Sonnenblumenhaus als
"Provokation" geplant sei. Um anschließend zu beteuern, daß sich ein
"Volksaufstand" wie 1992 nicht wiederholen werde. Schließlich sei die
NPD eine "gewaltfreie Partei".
Mit 434 rechtsextremistischen Straftaten, darunter 82 Gewalttaten,
lag Mecklenburg-Vorpommern bundesweit im vergangenen Jahr an zweiter
Stelle in der Statistik; ein Rückgang sei nicht zu verzeichnen, heißt
es im Schweriner Innenministerium. Dort schätzt man den harten Kern
der rechten Szene im Land auf 800 Personen. Und der wird von der NPD
offen umworben. "Wir grenzen niemanden aus", erklärt der
NPD-Landesvorsitzende Hans-Günther Eisenecker, Rechtsanwalt und
ebenfalls Westimport, ein Plakat mit lächelnden Skinheadköpfen. Mit
Schlagworten wie "deutscher Sozialismus", "ethnische Autarkie" und
"Schutz der Heimat" will man die 109 000 Erstwähler unter den 1,38
Millionen Wahlberechtigten sowie PDS-Wähler einfangen. Und auch wenn
die NPD und ihr Hauptkonkurrent DVU an der Fünf-Prozent-Hürde
scheitern sollten: "Durch den Wahlkampf haben die rechten Parteien
einmalige Chancen, ihre Propaganda an die Öffentlichkeit und die
Medien zu bringen", sagt Armin Schlender, Pressesprecher im
Innenministerium. Die NPD könnte dadurch eine bislang eher
unorganisierte Szene sammeln.
Wenn gerade kein NPD-Funktionär zur Stelle ist, um sie an Gesprächen
mit Medienvertretern zu hindern, erklären 16- bis 20jährige
Parteianhänger stolz, "Neonazis" zu sein, schwärmen von den
Ausschreitungen am 1. Mai diesen Jahres in Leipzig und von
"Kameradschaft". Die älteste rechtsextreme Partei der Bundesrepublik
ist dringend auf sie angewiesen; denn im Gegensatz zur DVU, die
ähnlich wie in Sachsen-Anhalt einen Materialwahlkampf plant und kaum
über lokale Strukturen verfügt, will die finanzschwache NPD nach
eigenen Angaben nur 150 000 Mark in den "Schwerpunktwahlkampf" in
Mecklenburg-Vorpommern investieren und verspricht statt dessen einen
"bürgernahen Personenwahlkampf". Also gibt es momentan Neonazis zum
Anfassen im Nordosten. Die potentiellen Jungwähler werden persönlich
von unwesentlich älteren NPD-Aktivisten zu den Veranstaltungen
eingeladen und singen mit dem "nationalen Liedermacher" Frank
Rennicke "Deutschland, Deutschland über alles, und das Reich wird neu
erstehn". Oder marschieren in ordentlichen Viererreihen,
nationalistische Parolen brüllend, ganz Herren der Straße, durch
mecklenburgische Kleinstädte wie Anfang August in Neustrelitz.
Rostocks SPD-Oberbürgermeister Arno Pöker hofft, daß es so weit in
der Hansestadt nicht kommen wird. "Rostock steht für
Internationalität und Offenheit", sagt er und kündigt an, "alle
rechtlichen Schritte zu unternehmen, um den NPD-Aufmarsch zu
verbieten". Doch bisher sind sämtliche Verbote für NPD-Aufmärsche
durch mecklenburgische Verwaltungsgerichte aufgehoben worden.
Gleichzeitig erwartet Pöker, daß von Rostocker Bürgern ein
"politisches Signal" gesetzt werden wird. Erste Anzeichen dafür gibt
es bereits: Ein Bündnis gegen Rechts plant ein multikulturelles Fest
vor der vietnamesisch-deutschen Begegnungsstätte, eine
Gegendemonstration und am Abend des 19. September ein großes "Rock
gegen Rechts"-Konzert. Vielleicht hofft Nguyen Do Thinh doch nicht
vergeblich darauf, am 19. September nicht allein vor dem
Sonnenblumenhaus zu stehen.
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