Die Rhetorik der Globalisierung als Drohung und Erpressungsmittel
Um es zu wiederholen: Man sollte die Rhetorik der Globalisierer tunlichst an der wirklichen Faktenlage messen. Seit geraumer Zeit wird den verschreckten Bundesbürgern auf allen multimedialen Kanälen suggeriert, daß der wirtschaftliche Standort Deutschland viel zu teuer sei und deswegen seine Mitbürger in die Arbeitslosigkeit entlasse, die Sozialhilfe kürze usw. Gerade was den angeblich so bedrohten Standort Deutschland angeht, stellt sich die ökonomische
Faktenlage ganz anders dar als die Rhetorik und Demagogie der Globalisierungs-Ideologen. So ist die Prozentzahl derjenigen deutschen Unternehmen, die tatsächlich schon Arbeitsplätze ins Ausland verlagert haben, immer noch sehr viel niedriger, als die öffentliche Debatte darüber und die apokalyptische Vision vom auswandernden deutschen Kapital vermuten läßt. Alles in allem wurden für 1995 deutsche Direktinvestitionen ins Ausland in Höhe von 48 Mrd.
DM gemeldet. Die in Deutschland getätigten Anlageinvestitionen beliefen sich im selben Jahr auf 751 Mrd. DM. Insgesamt wurde also ein Wert im Ausland angelegt, der rund 6 Prozent der deutschen Inlandsinvestitionen ausmachte. Aber auch diese 6 Prozent deutscher Auslandsinvestitionen bedeuten keineswegs einen entsprechenden Kapital- oder Beschäftigungsabfluß, schon gar nicht sind sie Zeichen einer Standortschwäche. In diesen Direktinvestitionen ins Ausland sind z.B.
Gründung und Erwerb von Unternehmen enthalten, soweit die Beteiligung mindestens 20 Prozent beträgt. Der Profit aber, mit dem Markenfirmen im Ausland gekauft oder Dienstleistungen etabliert werden, stammt aus der deutschen Mehrwertproduktion. Setzt man alle im Ausland getätigten Direktinvestitionen ins Verhältnis zu den Inlandinvestitionen, bleiben rund 94 Prozent im Inland. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) ermittelte jüngst,
daß die Zahl der Inlandsbeschäftigten sich günstiger bei Unternehmen entwickelt, die auch im Ausland expandieren, als bei Unternehmen, die sich nur wenig im Ausland engagieren.
Daß die Produktion ins Ausland abwandere, weil die Kosten der Arbeit in Deutschland zu hoch seien, nennt der IG-Medien-Vorsitzende Detlef Hensche denn auch ein "Schreckgespenst", das die Unternehmerseite ganz bewußt an die Wand male: "Ein Land, für das ein Drittel seines Nationaleinkommens die Exportgüter ausmachen, wird immer ausländische Standorte schaffen und erhalten. Die allerwenigsten Investitionen sind jedoch derartige ,Fluchtinvestitionen' aufgrund angeblich zu hoher Löhne und Lohnnebenkosten. 95 Prozent sind Investitionen, um Marktnähe zu erhalten, wenn nicht gar auszubauen. Und 88 Prozent aller Investitionen fließen in Hochlohnländer. Man muß endlich die Globalisierungsdebatte entmystifizieren, sie ist wider alle wirtschaftliche Realität."
Ebermann und Trampert kommen zu einem ähnlichen Resultat: "Das in Deutschland ansässige Kapital operiert mit seinem Realkapital keineswegs global, sondern ausgesprochen national. Die Verhältnisse sind in anderen kapitalstarken Ländern ähnlich. Auch die Tatsache, daß weniger Kapital nach Deutschland fließt als deutsche Unternehmen ins Ausland schicken, ist ein Zeichen imperialer Stärke. Das deutsche Kapital dringt mit Bravour in die ausländischen Märkte und hat dafür das nötige Geld. Andererseits schottet es sich selber stärker ab als andere Staaten dies tun." (Konkret 1/97)
Der jüngst (von der Süddeutschen Zeitung) geäußerte Verdacht, die deutsche Wirtschaft würde sich ihren Standort deshalb so schlecht reden, weil sie ausländische Konkurrenten abschrecken wolle, um die grandiosen Profitmöglichkeiten im eigenen Lande alleine nutzen zu können, ist wohl gar nicht so abwegig. Sie ähnelt darin einem Hofhund, der alle Nachbarhunde verbellt, weil er die fetten Brocken seines Reviers alleine verzehren will.
Inzwischen ist unter der Hand zu hören (die Unternehmerpresse hängt so etwas natürlich nicht an die große Glocke), daß nicht wenige deutsche Unternehmen, die im Ausland investieren wollten, reumütig wieder an den heimatlichen Standort zurückkehren. Warum wohl? Aus nationaler Sentimentalität oder gar aus Vaterlandsliebe? Gewiß nicht, sondern weil der Standort Deutschland, bei Lichte besehen, viel, viel besser ist als sein Ruf, der nur aus strategischen
Gründen schlecht geredet wurde. Was diesen so attraktiv macht, sind erstens die außerordentlich niedrigen Lohnstückkosten. Sie drücken das Verhältnis des Lohns zum Wert des geschaffenen Produkts aus, sind mithin der relevante Faktor für die internationale Konkurrenzfähigkeit. Je niedriger die Lohnstückkosten, desto höher ist die Produktivität und damit die Ausbeutungsrate der Arbeit. Das Ifo-Institut hat ermittelt, daß Deutschland, gemessen an den
Lohnstückkosten, keineswegs zu den Hochlohnländern zählt. Setzt man die deutschen Löhne von 1970 gleich 100, stiegen die Lohnstückkosten in Deutschland bis 1994 auf 250, die der wichtigsten Handelspartner aber auf 481. Ohne einen gewissen Ausgleich durch Währungsaufwertungen - die hohen Exportüberschüsse der deutschen Wirtschaft erzeugen einen ständigen Aufwertungsdruck - wäre Deutschland beinahe ein Niedriglohnland.
Auch herrscht in der deutschen Wirtschaftspresse darüber Konsens, daß die deutsche Konjunktur von der Auslandsnachfrage in Gang gehalten wird. Wenn aber das Ausland mit wachsender Begeisterung Waren kauft, die in Deutschland produziert werden, muß der Standort ziemlich kosten- und preisgünstig sein. Im übrigen sind Löhne und Lohnnebenkosten nur zwei Standortfaktoren unter vielen anderen; und sie sind nicht einmal die wichtigsten.
Daß das deutsche Kapital viel nationaler ist, als es von sich selbst glauben machen möchte, liegt vor allem daran, daß es hierzulande über industriell erzogene, hochdisziplinierte und qualifizierte Arbeitskräfte verfügt, außerdem über perfekte Verkehrs- und Informationssysteme, über ein bestens organisiertes System von Zulieferern, über hochwertige Handwerks- und Dienstleistungen, die täglich abrufbar sind;
über eine stabile Währung und über ein angemessenes Marktvolumen. Auch der - bislang gewahrte - soziale Friede, der jahrzehntelang für ein ruhiges Betriebsklima bürgte, ist ein hochrangiger Standortfaktor. Das Ensemble dieser strategischen Standortbedingungen aber finden die deutschen Unternehmen schwerlich in Polen, Portugal oder auf den Philippinen vor.
Offenbar erwächst die strategische Macht der Globalisierer vor allem aus der Drohung, Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, um Gewerkschaften und Politik gleichzeitig in die Knie zu zwingen, das heißt Steuererleichterungen und noch mehr Subventionen, Sozialabbau und niedrige Löhne durchzusetzen. Gegen die demagogische Globalisierungsrhetorik von rechts wie links wird zurecht darauf verwiesen, daß der Kapitalismus weder auf den Nationalstaat und seine
dem Eigentum verpflichteten Ordnungsmächte wie Justiz, Polizei und Armee, noch auf die nationale Produktion verzichten kann: "Der Versuch, die Profitrate im Zentrum zu sanieren, ist nicht die Frage einer viel beschworenen Globalisierung. Der Kapitalismus besteht gerade deshalb auf einer Radikalkur (auch) hierzulande, weil er in hohem Maße ortsgebunden ist. Dabei hat er eine günstige historische Gelegenheit abgepaßt - die Demoralisierung des Klassenbewußtseins hat
die Stufe der Willfährigkeit erreicht." Auch die andere Keule, die im Zusammenhang mit der Standortdebatte immer wieder geschwungen wird, der deutsche Sozialstaat sei im weltweiten Vergleich viel zu teuer, erweist sich, bei Lichte besehen, als demagogischer Popanz bzw. als reines Erpressungsmittel. Tatsächlich sind die Soziallasten in Deutschland keineswegs explodiert, ihr Anteil am Bruttosozialprodukt war 1995 sogar geringer als 20 Jahre zuvor. Was sich dagegen dramatisch verändert hat,
ist die Umverteilung der Steuer- und Soziallasten auf die Schultern der Lohn- und Gehaltsempfänger. Noch zu Beginn der achtziger Jahre lag der Anteil der Gewinnsteuern an den Bruttoeinkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen bei 37 Prozent, 1995 betrug er nur noch 25 Prozent. Und nach der für 1999 geplanten Steuerrefom wird er noch niedriger liegen. Der "Marsch in den Lohnsteuerstaat" ist noch längst nicht zu Ende. Die Krise des Sozialstaates resultiert daher nicht
aus dem so viel beschworenen "Sozialmißbrauch" und der "Vollkaskomentalität" zu vieler Bürger, sondern erstens aus der chronischen Krise der Arbeit, die wegrationalisiert und deren Wert bzw. Lohn gleichzeitig immer weiter herabgedrückt wird, zweitens aus dem Deregulierungswahn der neoliberalen Regierungen, und drittens aus der progressiven Befreiung des Kapitals von der Steuer, wodurch erst die schwarzen Löcher in den Staatsfinanzen entstanden sind.