"Sozialismus"
Von den Schwierigkeiten
im Umgang mit einem Begriff
Eine Handreichung der Grundwertekommission beim Parteivorstand der SPD
Inhalt
Vorbemerkung
- Einleitung
- Die Entwicklung des Sozialismusverständnisses in der deutschen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie
- Die Spaltung der Arbeiterbewegung: demokratische Sozialisten und Kommunisten
- Kalter Krieg und Systemauseinandersetzung
- Demokratischer Sozialismus und Berliner Grundsatzprogramm
- Was bleibt vom Sozialismus nach dem welthistorischen Umbruch von 1989?
- Die Position des notwendigen Aufgebens des Begriffs "demokratischer Sozialismus"
- Die Position des notwendigen Festhaltens am Begriff "demokratischer Sozialismus"
- Gemeinsame Aufgaben der Zukunft
Nachbemerkung
Kommission Grundwerte
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Vorbemerkung
Was tun mit einem Wort, das heute so verschiedene, so verwirrende
Gefühle auslöst? "Sozialismus" - das ist ein
Reizwort, das bei den einen Abwehr, bei den anderen Nostalgie
erzeugt, trotzige Identifikation oder achselzuckendes Desinteresse
hervorruft, Selbstbewußt sein oder Defätismus. Ein
Name nur für eine böse Erinnerung oder für ein
noch nicht erledigtes Versprechen für eine bessere Welt?
Muß man sich dafür schämen, die Verwendung dieses
Wortes gänzlich vermeiden? Ist der Begriff - so wie früher
- auch heute noch wichtig für die Identität, das
Selbstverständnis der Linken (und welcher Linken, bitte)?
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind Teil einer
geschichtlichen Bewegung, für die "Sozialismus" der
zentrale Begriff ihrer Zielvorstellungen gewesen ist. Es hat in
der Sozialdemokratie jedoch immer verschiedene begriffliche Inhalte
von "Sozialismus" gegeben; und dieses Stichwort deutet
heute in Ost und West auf durch aus unterschiedliche geschichtliche
Erinnerungen und biographische Erfahrungen hin. Nach dem Scheitern
jenes Systems und der Offenlegung des vollen Umfangs seiner Verderbtheit,
das die Bezeichnung "Sozialismus" für sich in Anspruch
genommen hat (für Sozialdemokraten von Anfang an ein Mißbrauch,
für andere die Desavouierung des Begriffs), ist ein Verdrängen
der damit aufgeworfenen Problematik nicht erlaubt. Die sachliche
Kenntnis und kritische Überprü fung der sozialistischen
Traditionen, also der Ideen- und Verwirklichungsgeschichte der
sozialistischen Programmatik, ist gefordert. Die Erinnerung auch
an den Mißbrauch des Begriffs "So zialismus" ist
Voraussetzung für einen weiteren Gebrauch, entscheidet über
sein weiteres Schicksal. Das gilt besonders für Menschen,
für die "Sozialismus" nicht bloß eine ldee,
ein theoretisches Konstrukt, ein ideologisches Streitobjekt darstellt,
sondern eine Lebensrealität bezeichnet. Er war im Osten
Deutschlands, in der DDR, für nicht wenige zunächst
ein Anlaß der Hoffnung, der Identifikation und dann der
Enttäuschung; für viel mehr Menschen war er die Erfahrung
von Unfreiheit und Mangel in einem System, in dem zu leben die
allermeisten sich nicht haben aussuchen können, in dem zu
überleben sie Kompromisse eingegangen sind - in unendlichen
Variationen zwischen totaler Ablehnung und partieller Identifikation:
Das Wort vom "verbesserlichen Sozialismus" war für
manche eine durchaus überlebensnotwendige Hypothese. War
das alles Selbsttäuschung, ein unsäglicher Lebensirrtum?
Über Sozialismus zu reden, ist für Ostdeutsche keine
akademische Angelegenheit, auch und gerade für ostdeutsche
Linke, für ostdeutsche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
nicht. An sie vor allem ist der Versuch einer kurzgefaßten
kritischen Rekonstruktion der Problemgeschichte von "Sozialismus"
gerichtet - eine kleine Handreichung für den Umgang mit einem
mehrdeutig und mißverständlich gewordenen Begriff in
einer zugleich schwieriger gewordenen Wirklichkeit.
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l.
Für die frühe Arbeiterbewegung und mit ihr für
die Sozialdemokratie hat die Vorstellung von Sozialismus den
Charakter einer Verheißung gehabt. "Dem Morgenrot
entgegen", einer "lichterfüllten Zukunft"
zugewandt, das war die Zukunftsvision, das war der Sozialismus.
Für die Menschen im Osten Deutschlands und im Osten Europas
ist "Sozialismus" zu etwas ganz anderem geworden.
Vaclav Havel hat es vor einigen Jahren sehr knapp auf den Begriff
gebracht: Sozialismus, das war ein "Knüppel", mit
dem uns auf den Kopf geschlagen wurde. Nimmt es da Wunder, wenn
die Menschen in Ostdeutschland, in Osteuropa zunächst mit
Abwehr reagieren, wenn sich ihnen die deutsche Sozialdemokratie
in ihrem programmatischen Anspruch, festgehalten im Berliner
Grundsatzprogramm, als Partei vorstellt, die an der Vision des
Sozialismus festhält, auch wenn das Attribut
"demokratisch" die kritische Distanz zum sogenannten
"realen Sozialismus" markiert? Die Erfahrung der Menschen
mit diesem "realen Sozialismus" ist schließlich
die Erfahrung mit einem System, das ökonomisch, ökologisch,
politisch und moralisch durch und durch versagt hat.
Die scharfe, jedem sichtbare Abgrenzung von einem verrotteten,
einem gescheiterten System wird für die Sozialdemokratie
noch dadurch dringlicher, daß sich eine ganze Reihe der
postkommunistischen ehemaligen Staatsparteien Mittel- und Osteuropas
nunmehr in Parteien mit sozialistischem Namen umbenannt hat.
Am signifikantesten findet dies seinen Ausdruck im Namenswandel
der SED zur "Partei des Demokratischen Sozialismus"
- einem gestohlenen Namen.
Ungeachtet einer Identifikationsgefahr kann die Sozialdemokratie
der Aufgabe nicht ausweichen, sich historisch-kritisch mit dem
politischen und moralischen Scheitern des 1917 eingeleiteten
Versuchs einer Systemalternative zur kapitalistischen Entwicklung,
der dieses zwanzigste Jahrhundert wesentlich mitgeprägt hat,
auseinanderzusetzen. Dabei bleibt es richtig und wichtig festzustellen:
"Realer Sozialismus" war nie demokratischer Sozialismus.
Diese Tatsache war die letzte, die nicht mehr überwindbare
Ursache im Prozeß der Spaltung der Arbeiterbewegung in
Sozialdemokraten und Kommunisten. Aber jenseits dieser Feststellung
wird sich eine kritische Gesellschaftstheorie damit auseinandersetzen
müssen, welches die historisch-konkreten (und dabei praktischen
wie theoretischen) Gründe des Scheiterns dieses Weges von
1917 waren. Dabei geht es nicht nur um historische Erklärungen.
Es geht auch darum, herauszufinden und zu unterscheiden, welche
Fehlentwicklungen und welche Deformationen im einzelnen den besonderen
russischen Bedingungen, dem dort ein geschlagenen Weg, den nach
1945 zwangsweise auch die DDR und andere Staaten gehen mußten,
geschuldet und welche auf Irrtümer und Fehleinschätzungen
der sozialistischen Theorie zurückzuführen sind. Dabei
hilft weder die propagandistische Formel mancher Konservativer
"Marx ist tot, Ludwig Erhard lebt" noch eine etwaige
Selbstberuhigung der Sozialdemokratie unter dem Motto "Lenin
ist tot, Bernstein lebt".
Die SPD hat in ihrem Berliner Grundsatzprogramm von 1989 auf die
Feststellung wert gelegt, daß sich ihr Ideengut aus ganz
unter schiedlichen Quellen speist: "Der Demokratische Sozialismus
in Europa hat seine geistigen Wurzeln im Christentum und in der
humanistischen Philosophie, in der Aufklärung, in Marxscher
Geschichts- und Gesellschaftslehre und in den Erfahrungen der
Arbeiterbewegung." Zu diesen Erfahrungen der Arbeiterbewegung
gehört, daß sich in ihr verschiedenartige Richtungen,
wenn man so will: "Sozialismus-Traditionen", herausgebildet
haben. Der Sozialismus besitzt viele Ursprünge und Wurzeln
im vormarxistischen und emanzipatorischen Denken der bürgerlichen
Revolutionen sowie in den Ideen der Aufklärung; religiöser
Utopismus, libertäre Ideen aus dem Umfeld des gewaltlosen
Anarchismus, französischer Kultursozialismus, angelsächsisches
Genossenschafts- und Selbstverwaltungswesen und nicht zuletzt
christliches, sozialethisches Denken trugen das Ihre zur Tradition
des "demokratischen Sozialismus" bei, wie auch Marxsches
Denken, d.h. emanzipatorischer Humanismus, Ideologiekritik und
analytischer (nicht bloß emphatisch-normativer) Antikapitalismus.
Die demokratisch-emanzipatorische Grundströmung des Sozialismus
stand immer für den Kampf gegen die Mißstände,
die den politisch und gesellschaftlich unzureichend kontrollierten
Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung entspringen.
Die Unabdingbarkeit der Demokratie innerhalb der Gesellschaft
wie innerhalb der eigenen Organisation wurde zum entscheidenden
Argument der Sozialdemokraten gerade als Konsequenz aus den Erfahrungen
mit der diktatorischen Machtausübung der russischen Bolschewiki
nach 1917 und ihrer rücksichtslosen Beherrschung der Kommunistischen
Internationale.
Anstöße dazu, die eigene Standortbestimmung der Sozialdemokratie
als demokratisch-sozialistische Partei kritisch zu überprüfen,
kommen nicht nur aus östlicher Richtung. Auch im Westen
ist vielfach die Rede von der "Krise des sozialdemokratischen
Modells", womit die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung insbesondere
der Staaten Bundesrepublik Deutschland, Schweden und Österreich
gemeint ist. Nicht zu bestreiten ist die Tatsache, daß die
Globalisierung von Problemkonstellationen (ökologische Krise,
Internationalisierung der Kapitalmärkte, zunehmende Staatsverschuldungen,
wachsende Arbeitslosigkeit auch in der ersten Welt) dazu geführt
hat, daß die Handlungsmöglichkeiten einer keynesianisch
geprägten nationalstaatlichen Wohlfahrtspolitik an ihre Grenzen
gestoßen sind. Selbst ernstzunehmende Kritiker der Sozialdemokratie
sprachen deshalb bereits vor der Zäsur des Jahres 1989 vom
"Ende des sozialdemokratischen Jahr hunderts". Dies
wurde auch damit begründet, daß sich in den Gesellschaftsverfassungen
der westeuropäischen Länder mittlerweise so viele sozialdemokratische
Elemente durchgesetzt hätten und als selbstverständlich
betrachtet würden, diese Gesellschaften also "sozialdemokratisiert"
seien, daß den Sozialdemokraten ihre originären Aufgaben
ausgegangen seien.
Muß sich also die Sozialdemokratie von ihrem Leitbegriff
des "demokratischen Sozialismus" trennen? Die Antwort
auf diese Frage fällt auch innerhalb der Sozialdemokratie
verschieden aus. Manche halten den Begriff durch den gescheiterten
"realen Sozialismus" für diskreditiert. Er bilde
am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts auch die eigene programmatische
Zielperspektive nicht mehr ab, da er als politisch-ideologisches
Schlüsselwort neben den anderen Großideologien (Liberalismus,
Konservatismus) des neunzehnten Jahrhunderts eine Globalalternative
suggeriere, die die eigentlichen Gemeinsamkeiten wie Differenzen
der entsprechenden Parteien heute nicht mehr richtig wiedergebe.
Andere verweisen darauf, daß sich eine weltweite historische
Bewegung nicht von der in diesem Begriff synthetisierten Erfahrung
ver abschieden könne. Zudem dürfe der Raub von Begriffen
nicht mit deren freiwilliger Aufgabe beantwortet werden, denn
dann würde der "reale Sozialismus" nachträglich
doch noch zum eigentlichen Sozialismus stilisiert. Schließlich
halte die SPD in ihrem gültigen Berliner Grundsatzprogramm
an der zukunftsfähigen Vorstellung des "demokratischen
Sozialismus" sowohl als alternativem Prinzip zum Kapitalismus
als auch als regulativer Idee fest. Der Begriff kennzeichne zugleich
die Bewegung selbst.
Die Grundwertekommission ist weder berufen, diesen Streit zu
entscheiden, noch dazu, Programmauslegungen oder -interpretationen
gewissermaßen "ex cathedra" vorzunehmen. Aber
sie kann und will einen Beitrag zu einem Verständnis dafür
liefern, was dem Begriff des "demokratischen Sozialismus"
zugrundeliegt und welcher Stellenwert ihm heute noch beigemessen
werden kann.
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ll. Die Entwicklung des Sozialismusverständnisses in
der deutschen Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie
- Die deutsche Sozialdemokratie ist als Bewegung gegen die
Ausbeutung und Rechtlosigkeit des Proletariats entstanden. Sie
besaß zunächst keine festen ideologischen Bindungen
und kein umfassendes Programm, sondern gehörte zu der sich
in Deutschland nur zögernd ausbreitenden demokratischen
Strömung, die in der Tradition von Gedanken der Aufklärung
stand, von der sie sich bald organisatorisch trennte und verselbständigte.
- Was die Sozialdemokratie auszeichnete, waren ihre Erfahrungen
in Arbeiter- und Arbeiterbildungsorganisationen, ferner ihr
entschiedenes Eintreten für die Interessen sozial Benachteiligter
und ihre Betonung des internationalen Charakters ihrer Bewegung.
- Bei Sozialdemokraten standen soziale und demokratische
Forderungen stets gleichwertig nebeneinander. Überwindung der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung und Erringung einer demokratischen
Staats- und Gesellschaftsverfassung waren miteinander verknüpfte
Orientierungen, die die Gleichberechtigung aller Staatsbürger
zum Ziel hatten. Dazu gehörte auch die Möglichkeit eines
jeden, Wissen und Bildung zu erwerben sowie sich kulturell zu
entfalten und zu betätigen.
- Beispielhaft für das Zusammenfallen sozialer und kultureller
Bedürfnisse war der Kampf der internationalen Sozialdemokratie
um den achtstündigen Arbeitstag. Er wurde gefordert, um der
physischen Erschöpfung der arbeitenden Menschen entgegenzuwirken,
und auch, um ihnen die Möglichkeit zu einer menschenwürdigen
Gestaltung der von den Zwängen der Erwerbsarbeit freien Zeit
zu verschaffen. Die hohe Bedeutung der Verkürzung der Arbeitszeit
für den Kampf um eine bessere Gesellschaft sollte durch die
Arbeitsruhe und die Feiern am 1. Mai symbolisiert werden (Beschluß
der II. Internationale von 1889).
- Obwohl führende Sozialdemokraten Schriften von Karl
Marx und Friedrich Engels kannten und schätzten - das trifft
besonders zu auf Wilhelm Liebknecht, der jahrelang in engem persönlichen
Kontakt zu beiden gestanden hat, ferner auf August Bebel und Wilhelm
Bracke - fand eine Rezeption ihrer Lehren erst in der Zeit des
"Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen
der Sozialdemokratie" ("Sozialistengesetz" 1878
bis 1890) statt.
- Als wesentliche Elemente für die Bewußtseinsbildung
von Sozialdemokraten unter dem Einfluß des Marxismus und
ihrer gesellschaftlichen Erfahrungen seien genannt: die Überzeugung,
daß der Sozialismus eine wissenschaftliche Grundlage habe;
daß der notwedige Zusammenbruch des Kapitalismus und seine
Ablösung durch den Sozialismus wissenschaftlich nachgewiesen
sei; daß das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar
sei mit der Entwicklung zur modernen Industriegesellschaft und
daß darum die Vergesellschaftung der Produktionsmittel
die Voraussetzung bilde für eine harmonische und produktive
Gemeinschaft von Freien und Gleichen.
- Mit der Übernahme der Lehren von Marx und Engels, vermittelt
hauptsächlich durch August Bebel und Karl Kautsky, rückte
die Eigentumsfrage in den Mittelpunkt sozialdemokratischer
Vorstellungen vom Sozialismus; ja Sozialismus wurde gleichgesetzt mit einem
Wirtschafts- und Sozialsystem, in dem das Privateigentum an Produktionsmitteln
abgeschafft ist.
- Gemessen an den originären Analysen und Theorien von
Karl Marx (und auch Friedrich Engels) war dieser sozialdemokratische
"Parteimarxismus" eine Verengung. Zentrale Gedanken
von Marx und Engels wurden durch den Versuch ihrer Popularisierung
vergröbert oder gingen ganz verloren, so z.B. der umfassende
Begriff von Vergesellschaftung als der planmäßigen
Verfügung der Menschen über ihre Produktionsmittel und
die Ergebnisse ihrer Arbeit, die Idee der "freien Entwicklung
eines jeden einzelnen als Bedingung für die freie Entwicklung
aller" (Kommunistisches Manifest), die Forderung nach radikaler
Demokratisierung des Staates und nach Abschaffung der Bürokratie
als verselbständigter Kaste oder der aktivierende Gedanke,
daß die Menschen ihre Geschichte selber machen (wenn auch
unter bestimmten, wesentlich durch die Ökonomie geprägten
Bedingungen). Erst nach dem Tode von Engels (1895) begann allmählich
eine Erneuerung und kritische Aufarbeitung der Marxschen Lehre
Platz zu greifen, z. B. bei Rosa Luxemburg, aber auch bei Eduard
Bernstein.
- Der Marxismus, in der Form, in der er von 1891 an zur offiziellen
Parteitheorie der SPD geworden war, hat zur Identifizierung von
Sozialismus und Sozialisierung der Produktionsmittel entscheidend
bei getragen. Doch die Zielsetzung, eine gerechte Gesellschaft
durch die Beseitigung des Privateigentums zu erreichen, war keine
originelle Idee von Karl Marx. Sie findet sich in vielen religiösen
und politischen Utopien und ist Ausdruck einer uralten Sehnsucht
von Menschen.
- Mit der Annahme des Erfurter Programms galt "die Verwandlung
des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln
- Grund und Boden, Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge,
Maschinen, Verkehrsmittel - in gesellschaftliches Eigentum"
als Ziel des Sozialismus. Die praktische Politik der SPD in den
Parlamenten und im außerparlamentarischen Raum konzentrierte
sich auf soziale und demokratische Reformen, die unter den Gegebenheiten
des monarchisch-autoritären Systems des Kaiserreichs nur
sehr vermittelt dem großen Ziel des Sozialismus dienen konnten.
- Als noch keine Frauenorganisation, geschweige denn eine
politische Partei die Frage des Frauenwahlrechts in Deutschland
angeschnitten hatte, wurde das Frauenwahlrecht von der SPD sowohl
in ihrem Erfurter Programm als auch durch einen Antrag im Reichstag
gefordert.
- Die Haltung der Führungsgremien der Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei im deutsch-französischen Krieg von 1870/71
(Stimmenthaltung im Parlament bei der Finanzierungsforderung
der Regierung, Protest gegen die Fortsetzung des Krieges nach
dem deutschen Sieg von Sedan, Warnung vor der Annexion Elsaß-Lothringens)
begründete das internationale Renommee der deutschen
Sozialdemokratie. Sie hatte jedoch im Wilhelminischen Reich keinen
Einfluß auf die Außen- und Militärpolitik. Ihre Opposition
gegen Aufrüstung und Militarismus, gegen die Kolonialpolitik,
gegen die Hochschutzzölle und gegen andere Provokationen
besonders gegenüber England und Frankreich blieb ohne die
von ihr angestrebte Wirkung.
- Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges schwenkte die große
Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten in die Front der
Kriegsbefürworter ein. Ein Grund - neben anderen - dafür war
ihr Bestreben, sich durch den Beweis ihres Patriotismus vom Odium,
"vaterlandslose Gesellen" zu sein, zu befreien. Dabei
traten nunmehr die inneren Gegensätze in der Partei zwischen
aktiven Reformpolitikern, Verteidigern der Parteieinheit auch
um den Preis programmatischer Kompromisse und sozialistischen
Revolutionären offen hervor, die sich schon vor dem Kriege
herausgebildet hatten. Die Sozialdemokraten der kriegführenden
Staaten nahmen fast alle die gleiche Haltung gegenüber ihrer
eigenen Regierung ein wie die deutschen. Das sie schockierende
Beispiel der SPD hat dabei eine Rolle gespielt.
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lll. Die Spaltung in der Arbeiterbewegung: demokratische Sozialisten
und Kommunisten
- Im Ersten Weltkrieg, früher als in anderen Ländern,
kam es in der deutschen Sozialdemokratie zur Spaltung. Von der
SPD - in der neueren Literatur zur Unterscheidung meist "Mehrheitssozialdemokratie"
(MSPD) genannt - trennte sich die Unabhängige Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (USPD), der sich zunächst auch die
"Gruppe Internationale" (Spartakusbund) anschloß,
die dann den Kern der um die Jahreswende 1918/19 gegründeten
Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bildete. Anlaß
der Spaltung war die Politik der SPD-Mehrheit im Kriege, besonders
die mit strenger Parteidisziplin durchgesetzte Bewilligung der
Kriegskredite. Doch der tiefere Grund war das Festhalten der zur
USPD übergegangenen Minderheit an der traditionellen Oppositionsrolle
der Partei, während die Mehrheit im Krieg eine Chance sah,
durch Kooperation mit der Regierung und mit bürgerlichen
Parteien nach Kriegsende an der Regierungsverantwortung beteiligt
zu werden.
- Die revolutionären Ereignisse im November 1918 in Deutschland,
ausgelöst durch die militärische Niederlage, führten
zur Errichtung der ersten deutschen Republik. MSPD und USPD bildeten
am 10. November 1918 eine Revolutionsregierung mit exekutiver
und legislativer Vollmacht. Ihre wichtigsten sofortigen Aktionen
waren die Zustimmung zum Waffenstillstand, die Einführung
eines demokratischen Wahlrechts für Männer und Frauen
zu allen Parlamenten und die gesetzliche Festlegung des Acht-Stunden-Tages.
- Die von den Anhängern der Sozialdemokratie erhofften
und von ihren Gegnern befürchteten Eingriffe in die Struktur
der feudalbür gerlichen Gesellschaft, insbesondere in die
kapitalistischen Eigentumsstrukturen, erfolgten nicht. Die Gründe
dafür sind vielfältig: Vor dem Kriege waren diese Probleme
kaum je konkret diskutiert worden; die 1918/19 rasch entwickelten
Konzepte, insbesondere für eine Sozialisierung von Produktionsmitteln,
wurden von großen Teilen der Partei und der Gewerkschaften
nicht akzeptiert; die Erfahrungen im bolschewistischen Rußland
wirkten abschreckend; die Revolutionsregierung befürchtete
das Absinken der Produktion und die Beschlagnahme sozialisierter
Betriebe durch die Siegermächte. Daß der jahrzehntelang
propagierte zentrale Programmpunkt der Sozialdemokraten von ihnen
noch nicht einmal im Ansatz erfüllt wurde, als sie an der
Macht waren, hat bei den Arbeitermassen tiefe Enttäuschung
hervorgerufen. Darüber hinaus hatten sich viele Anhänger
der Sozialdemokratie weitere einschneidende gesellschaftliche
Veränderungen erhofft, die nicht oder nur teilweise erreicht
wurden: die Brechung der sozialen Macht des ostelbischen Junkertums,
eine durchgreifende Demokratisierung von Verwaltung und Justiz,
den Aufbau einer volksnahen, demokratisch kontrollierten Armee
und weitgehende Mitbestimmungsrechte für die in der Revolution
neu entstandenen Betriebsräte. Für den Verlauf der
Revolution und die Grundlegung der Weimarer Republik hatte dies
alles verhängnisvolle Konsequenzen.
- Die zunächst aus den Differenzen in der Kriegsfrage
erwachsene Spaltung in der Arbeiterbewegung in SPD, USPD und KPD,
aus der schließlich die endgültige Spaltung in ein
sozialdemokratisches und ein kommunistisches Lager hervorging,
bekam nach 1917 zusätzli che und entscheidende Nahrung durch
die Ereignisse im revolutionären Rußland. Auf der
einen Seite legte die junge KPD schnell die kritischen Auffassungen
ihrer Mitgründerin Rosa Luxemburg ab und wurde zur glühenden
Verfechterin jedweder Facette sowjetrussischer Politik. Anfängliche
Hoffnungen in allen Teilen der deutschen Sozialdemokratie auf
die Bolschewiki als Partei des Friedens schlugen angesichts deren
antidemokratischer Machtausübung schnell in pauschale Ablehnung
um. Die einen hielten Sowjetrußland bzw. die Sowjetunion
für das sozialistische "Vaterland aller Werktätigen",
die anderen für ein terroristisches staatskapitalistisches
System.
- Marx und Engels waren der Auffassung gewesen, daß die
ökonomischen Bedingungen für eine sozialistische Revolution
im halbfeudalen Rußland nicht gegeben seien. Lenin knüpfte
an deren Vorstellungen insofern an, als er in der russischen
Revolution den Auslöser, den Anstoß für eine
als Weltrevolution verstandene europäische Revolution sah.
Von einem eigenständigen russischen Weg zum Sozialismus war
1917 noch nicht die Rede. Am Ende von über sechs Jahren Krieg
und Bürgerkrieg blieb die russische Revolution isoliert.
Die Wirtschaft des Landes war völlig zerrüttet, es herrschte
grausame Hungersnot. In diesen Bedingungen sind die äußeren
Gründe zu suchen, die die bolschewistische Partei zum Festhalten
an der Regierungsmacht mit diktatorischen Mitteln drängten.
- Die theoretischen, ideologischen Grundlagen zur Rechtfertigung
eines solchen Vorgehens hatte Lenin bereits früher gelegt.
Er verengte den bei Marx und Engels als soziologische Kategorie
verstandenen Begriff von der "Diktatur des Proletariats"
(dort verstanden als Mehrheitsherrschaft) auf die diktatorische
Herrschaftsausübung einer Avantgarde-Partei des Proletariats,
die zudem noch einer straffen, zentralistischen Organisationsdisziplin
unterworfen wurde. Diese organisatorischen Prinzipien wurden zudem
nach und nach dem ganzen Staatsorganismus übergestülpt.
Hinzu kam ein theoretisch stark verzerrtes Sozialismusverständnis,
das sich hinsichtlich der Organisationsformen der Arbeit unmittelbar
am damals modernsten kapitalistischen Entwicklungsmodell (Taylorismus
und Fordismus) orientierte, also keine direkten wirtschaftsdemokratischen
Elemente enthielt.
- Für die weit überwiegende Mehrzahl der deutschen
Sozialdemokraten stand spätestens 1921 fest, daß die
russische Oktoberrevolution mangels objektiver und subjektiver
Voraussetzungen ein von Anfang an zum Scheitern verurteilter
Versuch war, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, der
deshalb notwendig in Staatsterrorismus und ökonomischem Desaster
enden mußte. Die Sowjetunion galt als Beweis für einen
schrecklichen Utopismus, der die unreifen sozialen Verhältnisse
in Rußland zu vergewaltigen suchte, und dies, wie man fürchtete,
zum Schaden der Arbeiterklasse in der ganzen Welt. Für die
deutsche Sozialdemokratie bestätigte sich nun unzweideutig,
wie der Sozialismus nicht gemacht werden dürfe; denn (mit
den Worten Karl Kautskys): "Keine Form des Kapitalismus macht
die Arbeiterschaft so absolut abhängig wie ein zentralisierter
Staatskapitalismus in einem Staat ohne freiheitliche Demokratie."
Unter dem Einfluß der österreichischen Sozialdemokratie
waren über einen längeren Zeitraum hinweg Teile des
linken Flügels in Deutschland und in der Internationale
noch bereit, die ungünstigen Ausgangsbedingungen als objektive
Schwierigkeiten anzuerkennen und der Sowjetunion (unter veränderten
Bedingungen) eine positive Entwicklungsmöglichkeit zuzugestehen.
Im Gegensatz zur KPD lehnten je doch auch sie eine Übertragung
der "russischen Methoden" auf West- und Mitteleuropa
scharf ab.
- Die noch von Lenin eingeleitete Wende der Sowjetunion weg
von der vollständigen Verstaatlichung hin zu offeneren, marktförmigen
Strukturen im Rahmen der sogenannten "Neuen Ökonomischen
Politik", in die auch manche Sozialdemokraten erneut Hoffnungen
setzten, wurden zu Beginn der dreißiger Jahre durch Stalins
Politik der forcierten Industrialisierung und Zwangskollektivierung
in der Landwirtschaft abrupt beendet. Als Bedingung für
einen "sozialistischen Aufbau" wurde seitdem in den
kommunistischen Parteien die weitgehendste Verstaatlichung angesehen.
Die Propagierung der so genannten "Sozialfaschismustheorie",
wonach die Sozialdemokraten die (gefährlicheren) Zwillinge
der Faschisten seien, die Rolle des sowjetischen Geheimdienstes
im Spanischen Bürgerkrieg, die sogenannten "Säuberungen"
in der KPdSU und die Vernichtung der Führungsschicht der
Oktoberrevolution sowie aller oppositioneller Strömungen
durch die Moskauer Schauprozesse, schließlich die Millionen
Toten der Massenhinrichtungen und der Zwangsarbeitslager (über
deren Existenz die Welt erst viel später Genaueres erfuhr)
so wie der Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes markieren die
Stationen der endgültigen Spaltung zwischen Sozialdemokraten
und Kommunisten.
- Die ablehnende Beurteilung des bolschewistischen Regimes
forderte zu einer Präzisierung der Vorstellungen über
die Verwirklichung der eigenen Ziele heraus. Bereits seit Anfang
der zwanziger Jahre wurden - parallel zur Praxis des sozialdemokratischen
"Kommunalsozialismus" und den Anfängen der betrieblichen
Mitbestimmung - die Verbindung von markt- und planwirtschaftlichen
Elementen, die Verknüpfung von kollektivem Arbeitsrecht und
Wirtschaftsdemokratie und die Neubestimmung der Rolle des demokratischen
Staates und der politischen Parteien für den gesellschaftlichen
Transformationsprozeß diskutiert, die Ergebnisse dieser
Debatten fanden teilweise bereits in der Programmatik der Sozialdemokratie
ihren Niederschlag.
- Die Herausforderung durch den Bolschewismus und die Konkurrenz
mit der KPD um die Gewinnung der Arbeitermassen setzte aber
auch einen Reflexionsprozeß über theoretisch-weltanschauliche
Grundannahmen der eigenen Programmatik in Gang - einen Prozeß,
der im Godesberger Grundsatzprogramm von 1959 seinen Niederschlag
und mit dem Berliner Grundsatzprogramm von 1989 einen vorläufigen
Abschluß gefunden hat.
Die Vorstellungen von der Machbarkeit des Sozialismus als
gesellschaftlichem System, die Überzeugung von der Geschichtsnotwendigkeit
des Sozialismus bzw. des systemnotwendigen Zusammenbruchs des
Kapitalismus, der der Programmatik immanente Verheißungscharakter,
mit dem Sozialismus sei ein gesellschaftlicher Endzustand erreichbar
und mit ihm ein "neuer (guter) Mensch" in Sicht, die
Fundamentalorientierung in der Motivation für den Sozialismus,
das euphorische Fortschrittsverständnis und der Hang zu einem
ökonomistischen Automatismus - all dies wurde nach und nach
überunden und die humanistisch-emanzipatorische Substanz
des "demokratischen Sozialismus" sowie seine Öffnung
für pluralistisch -ethische Fundierungen immer deutlicher
in den Vordergrund gerückt.
- Angesichts des mörderischen Bruderkampfes zwischen SPD
und KPD und des leidenschaftlichen Streits über den Charakter
der Sowjetunion ist eine an sich starke Strömung im Schatten
geblieben, die beide Parteien von einem linkssozialistischen Standpunkt
aus kritisierte. Sie knüpfte weitgehend an die Traditionen
jenes Teils der USPD an, der sich 1920 nicht mit der KPD vereinigte
und später zu großen Teilen der SPD beitrat. Sie wirkte
bis 1933 als Minderheit in beiden großen Parteien und in
kleinen unabhängigen Gruppen.
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lV. Kalter Krieg und Systemauseinandersetzung
- Die Neuordnung Europas nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
und die Niederlage der über große Teile Europas herrschenden
nationalsozialistischen Diktatur räumte der Sowjetunion
in Osteuropa eine Vormachtstellung ein. Aus ihrer eigenen Sicht
wurde damit endlich der ersehnte Ausbruch aus der Isolation erreicht.
Die zunächst den jeweiligen Staaten Osteuropas gewährte
relative Eigenständigkeit im Rahmen des Konzepts der "Volksdemokratien"
beschränkte sich allerdings auf eine relativ kurze Phase.
Ihr folgte im gesamten Ostblock die Übertragung des sowjetischen
Modells mit den Elementen einer weitgehend verstaatlichten Wirtschaft
(und der - von Ausnahmen wie Polen abgesehen - Tendenz zur Vollverstaatlichung)
sowie der realen bzw. faktischen Einparteienherrschaft der
kommunistischen Parteien. Insbesondere die sozialdemokratischen Parteien
wurden völlig ausgeschaltet bzw. im Wege von Zwangsverschmelzungen
mit den Kommunisten "vereinigt". Obwohl auch viele Sozialdemokraten
aus den Erfahrungen der nationalsozialistischen Barbarei und
des gemeinsamen Widerstandes die Hoffnung auf eine Aussöhnung
mit den Kommunisten und auf die Einheit der Arbeiterbewegung setzten,
wurde diesen Träumen durch die Zwangsvereinigung von SPD
und KPD zur SED in der SBZ und die folgenden Kampagnen gegen
den "schädlichen Sozialdemokratismus" ein rasches
Ende bereitet.
- Bis in die sechziger Jahre hinein erwies sich das sowjetische
Modell einer nachholenden Industrialisierung bzw. auf den Wiederaufbau
der Schwerindustrie setzenden Reindustrialisierung in Ost-
bzw. Mitteleuropa wirtschaftlich noch als relativ erfolgreich.
In der DDR wurde es erkauft durch die Kombination aus sozialpolitischen
Zugeständnissen und starkem Arbeitsdruck bzw. dem Entzug
politischer Rechte. Während sich Politik und Wirtschaft der
Bundesrepublik als Reaktion auf die dem "Wirtschaftswunder"
der fünfziger Jahre folgenden neuen Krisenerscheinungen
der späten sechziger und beginnenden siebziger Jahre (Ölpreiskrise,
Rezession, neue Arbeitslosigkeit) rasch umstellten, von einer
extensiven zur intensiven Ausdehnung von Produktion übergingen,
d.h. die sogenannte dritte industrielle Revolution mit elektronisch
gesteuerten Fertigungsvorgängen und Produktreihen einleiteten,
wurde in der DDR (und im Ostblock insgesamt) eine umgekehrte Entwicklung
eingeleitet. Dort fand 1972 die letzte Verstaatlichungswelle statt,
und der Weg der extensiven Ausdehnung von Produktion wurde trotz
steigender Rohstoffpreise fortgesetzt. Die Fertigungstiefe der
Kombinate wurde durch die Hineinnahme der Zulieferbetriebe erheblich
ausgeweitet. Die ostdeutschen und die osteuropäischen Ökonomien
wurden unter den Bedingungen eines sich stärker verschränkenden
Weltmarktes endgültig und entscheidend abgehängt. Damit
verlor auch der brüchige "Gesellschaftsvertrag"
von sozialpolitischer Befriedung bei gleichzeitigem Entzug politischer
Rechte seine materielle Grundlage.
- Die Phase des ökonomischen Niedergangs und Bankrotts
konnte von der SED auch durch verschärfte innere Repression
und den Ausbau ihres Stasi-Apparats nicht aufgehalten werden.
Der ökonomische Bankrott wurde durch den ökologischen,
den politischen und den moralischen Bankrott nur ergänzt
und verschärft. Die in den 80er Jahren entstehenden und im
Jahre 1989 sich öffentlich artikulierenden Bürgerbewegungen
und Parteien hat zunächst ausnahmslos eines geeint: das
Bekenntnis zu einem "demokratischen Sozialis mus" (auch
wenn dieses frühe Bekenntnis für die meisten heute keine
Rolle mehr spielt). In vielen dieser Bewegungen und Parteien
waren Menschen sozialdemokratischer Grundüberzeugungen aktiv
an vorderster Stelle beteiligt.
- Im Westen Deutschlands blieb für die demokratischen
Sozialisten aller Nuancierungen die Ablehnung des bolschewistischen
Weges prägend. Die Entwicklung der DDR im unmittelbaren
deutsch-deutschen Vergleich konnte diese Grundhaltung immer neu
bestätigen. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik hielt
Kurt Schumacher - gerade auch aufgrund der Erfahrungen mit
Hitler-Deutschland und der wenig konsequent erfolgenden Entnazifizierung
- an der Über zeugung fest, daß nur ein sozialistisches
Deutschland eine wirkliche Garantie für den Bestand von Demokratie
biete. Die jahrzehntelange Dominanz der CDU/CSU als regierender Staatspartei
und ihr Fernhalten der SPD von einer demokratischen Mitgestaltung
führten zu einem Umdenken in der SPD und in der Folge zu
einer stärkeren Integration in das politische System der
Bundesrepublik. Mit dem Godesberger Programm wurde dieser neuen
Situation auch programmatisch Rechnung getragen und die Teilhabe
der SPD an der Regierungsverantwortung vorbereitet. Die SPD hat
bereits in der Großen Koalition ab 1966, mehr noch in den
Jahren der sozial-liberalen Koalition zwischen 1969 und 1982
entscheidend dazu beigetragen, daß die Partizipationsmöglichkeiten
der Menschen als Staatsbürger und die sozialen Rechte der
Arbeitnehmer in Betrieben und Unternehmen erheblich ausgeweitet
wurden. Auch wenn der Begriff von der CDU mit Ludwig Erhard reklamiert
wird, haben die Sozialdemokraten doch die Grundlagen dafür
gelegt, daß von einer sozialen Marktwirtschaft überhaupt
die Rede sein kann.
- Wie schon in der Weimarer Republik ist die nach 1945 wieder
aufgelebte linkssozialistische Strömung angesichts der schroffen
Konfrontation von BRD und DDR, von Demokratie und Stalinismus
kaum sichtbar geworden. Erst als die - vorwiegend aus England
und Frankreich stammenden - Ideen der sogenannten "Neuen
Linken", d.h. eines radikalen, aber freiheitlichen, dem Stalinismus
gegenüber kritischen Sozialismus im Zuge der Protestbewegung
der fünfziger Jahre auch in Westdeutschland wirksam wurden,
hat sich innerhalb und außerhalb der SPD unter Rückgriff
auf die Traditionen des Marxismus wieder eine einflußreiche
linkssozialistische Strömung entwickelt.
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V. Demokratischer Sozialismus und Berliner Grundsatzprogramm
Mit ihrem Berliner Programm von 1989 hat die SPD nach mehrjähriger
Diskussion den Versuch unternommen, auch programmatisch
der seit den späten 60er Jahren veränderten Weltlage
gerecht zu werden. Leitgedanke dieser programmatischen Neuorientierung
ist der des "ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft".
Dieser Gedanke ist und bleibt aktuell, und er wird im Programm
mit der tradierten Zielvorstellung und den Grundwerten des "demokratischen
Sozialismus" verknüpft. Grundsätzlich bekennt
das Programm:
"Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind die Grundwerte
des Demokratischen Sozialismus, sie sind unser Kriterium für
die Beurteilung der politischen Wirklichkeit, Maßstab für
eine neue und bessere Ordnung der Gesellschaft und zugleich Orientierung
für das Handeln der einzelnen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
. . . Diese Grundwerte zu verwirklichen und die Demokratie zu
vollenden, ist die dauernde Aufgabe des Demokratischen Sozialismus."
Unter Bezugnahme auf die Erfahrungen der frühen europäischen
bürgerlichen Revolutionen führt das Programm weiter
aus:
"Deshalb hat die Arbeiterbewegung die Ideale dieser Revolutionen
eingeklagt: eine solidarische Gesellschaft mit gleicher Freiheit
für alle Menschen. Es ist ihre historische Grunderfahrung,
daß Reparaturen am Kapitalismus nicht genügen. Eine
neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft ist nötig.
Die Sozialdemokratie führt die Tradition der demokratischen
Volksbewegungen des neunzehnten Jahrhunderts fort und will daher
beides: Demokratie und Sozialismus, Selbstbestimmung der Menschen
in Politik und Arbeitswelt."
Und schießlich heißt es zu den Zielen:
"Wir wollen die gesellschaftliche Gleichheit von Frau und
Mann, eine Gesellschaft ohne Klassen, Privilegien, Diskriminierungen
und Ausgrenzungen Wir wollen Demokratie in der ganzen Gesellschaft,
auch in der Wirtschaft, im Betrieb und am Arbeitsplatz verwirklichen,
wirtschaftliche Macht begrenzen und demokratisch kontrollieren."
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Vl. Was bleibt vom SoziaIismus nach dem welthistorischen Umbruch
von 1989?
Es ist nicht nur erlaubt, sondern zwingend notwendig, darüber
nach zudenken und die Diskussion darüber zu führen,
was die welthistorische Zäsur von 1989 - 91 für die
Perspektiven der Sozialdemokratie bedeutet. Der Untergang eines
Staatensystems, das sich selbst rühmte, den Sozialismus realisiert,
also aus der Gedankenwelt in die Wirklichkeit geholt zu haben,
berührt notwendigerweise das politische Konzept auch derjenigen,
die bisher immer für einen anderen, einen "demokratischen
Sozialismus" eingetreten sind, und sei es nur auf der Ebene
der politischen Kommunikation, der Vermittlung der eigenen Vorstellungen
hin zu den Bürgerinnen und Bürgern.
Unter den Sozialdemokraten fallen die Konsequenzen, die man aus
dieser Situation ziehen sollte, sehr unterschiedlich aus. Dies
ist einerseits ein Problem auf der begrifflichen Ebene, d.h.
der Frage, ob man einen mißverständlichen Begriff weiter
verwenden soll. Es ist andererseits aber auch ein Problem strategischer
Differenzen, d.h. der Frage, in welchem Ausmaß traditionell
mit dem Begriff von "So zialismus" verbundene Zielvorstellungen
noch weiter verfolgt werden sollen. Deshalb erscheint es auch
nicht sinnvoll, beide Positionen nun in einer synthetisierenden
gemeinsamen Fassung darzubieten, da dadurch die jeweilige Argumentationsschärfe
völlig verloren ginge. Im übrigen entspricht diese Art
einer nebeneinander gestellten Darstellung der Lage, wie sie
ist. Es gibt in der SPD eben unterschiedliche Verarbeitungen
der Zäsur von 1989, und es gibt in der SPD zugleich ganz
unterschiedliche Lebenserfahrungen von über 40
Jahren aus zwei einander sehr fremden Gesellschaftsordnungen.
Deshalb werden im folgenden die Argumente beider Positionen zu
gespitzt dargestellt.
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Die Position des notwendigen Aufgebens des Begriffs "demokratischer
Sozialismus"
- Modernisierungen unserer symbolischen Ausdrucksmöglichkeiten
dürfen in sich tiefgreifend wandelnder Zeit nicht von
vornherein tabuisiert werden. Die Ersetzung des Begriffs "demokratischer
Sozialismus" durch "soziale Demokratie", wie es
auch die österreichi sche Sozialdemokratie in ihrem neuen
Grundsatzprogrammentwurf vorschlägt, kann zur Vermeidung
von Fehlinterpretation beitragen. Die zeitgerechte Neudefinition
des uns politisch und moralisch Wesentlichen und die Überwindung
dessen, was seine Vermittlung und Durchsetzung hemmt, kennzeichnen
auch die Geschichte der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.
- Auch empirische Umfragen zeigen, daß kaum noch ein
Fünftel der Bevölkerung mit dem Symbolwort "Sozialismus"
das verbindet, was wir begrifflich, also moralisch-politisch,
damit meinen und wollen. Die Hoffnung, dieses Defizit durch intensivierte
politische Kommunikation dessen, was wir wirklich damit verbinden,
auszugleichen, läßt sich heute weniger denn je begründen.
Es scheint, daß das Wort bei allzu vielen Menschen zu einem
Hindernis für die Sache geworden ist.
- Die sozialdemokratische Programmatik, die vor der deutschen
Vereinigung entworfen worden ist mit dem Ziel einer Modernisierung
der (alten) Bundesrepublik, muß sich jetzt vor den politischen
Orientierungsdefiziten des Ostens bewähren, denn dort steht
jetzt derjenige Lernprozeß an, den die westliche Sozialdemokratie
bereits hinter sich hat. In östlichen Zusammenhängen
muß also die Sozialdemokratie auch diejenigen Elemente der
westlichen politischen Kultur mitvertreten, für die sie
von ihrer Geschichte her keine Erstzuständigkeit beansprucht,
die sie aber mit Gründen zu bejahen gelernt hat. Das Wort
"Sozialismus" würde dabei bloß heillose
Verwirrung stiften, weil es der eigenen politischen Lebenserfahrung
folgend von den Ostdeutschen und Osteuropäern unweigerlich
identifiziert wird mit der falschen, gescheiterten "Systemalternative"
zum Westen und dadurch diskreditiert ist.
- Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hängt die Zukunft
Europas davon ab, ob in Osteuropa der Übergang zu Demokratie
und sozialer Marktwirtschaft gelingt. Denn nur dann kann die
Vereinigung Europas Fortschritte machen, und dies ist die Voraussetzung
für eine stabile europäische Friedensordnung. Diesen
Zusammenhängen müßte sich eine neue sozialdemokratische
Ostpolitik stellen. Der Ausdruck "Sozialismus" würde
bei der Ausarbeitung einer solchen Politik nur verwirren.
- Innenpolitisch ist durch die veränderte Situation vordringlich
gefordert:
- eine gesamtdeutsche Strategie für Modernisierung,
umweltverträgliches Wachstum, soziale Sicherheit und nicht zuletzt
für den Aufbau Ostdeutschlands, seine Re-Industrialisierung;
- eine solidarische und sozialverträgliche Verteilung der
Lasten, die durch den Zusammenbruch des Kommunismus auf die
reichen Länder des Westens (Deutschlands und Europas) zukommen;
- ein vernünftiger Umgang mit dem Problem der Zuwanderung
und Integration von Ausländern in Deutschland.
Auch für diese Zusammenhänge kann das Wort "Sozialismus"
keine hilfreiche Grundorientierung liefern, zumal die Fronten
in den heutigen Konflikten nicht mehr nur und vor allem zwischen
Kapital und Arbeit verlaufen, sondern auch z.B. zwischen Arbeitern
Ost und Arbeitern West im Kampf um Standorte, zwischen Betrieben
Ost und Betrieben West im Kampf um Marktanteile, zwischen Arbeitern
(Gewerkschaften) und Arbeitslosen im Kampf um Arbeitsplätze,
zwi schen Ausländern und Einheimischen.
- Die Schwierigkeiten mit dem Begriff "Sozialismus"
haben nicht nur zu tun mit den Negativerfahrungen, die Europa
mit dem angemaßten "Sozialismus" der Kommunisten
gemacht hat, sondern auch damit, daß für uns selbst
"demokratischer Sozialismus" heute weder ein Modell,
noch eine sozialökonomische Struktur beschreibt, die wir
anstreben wollen, sondern eine durch die Grundwerte definierte
regulative politisch moralische Idee, von der wir wissen, das
sie nur noch auf der Grundlage von sozial eingeschränktem
Privateigentum an Produktionsmitteln, der Anerkennung einer wesentlichen
Mitsteuerungsfunktion von Kapital- und Geldmärkten sowie
einer nur noch bedingten Demokratisierungsfähigkeit der gesellschaftlichen
Teilsysteme realisiert werden kann.
- In den hochkomplexen Gesellschaften der Gegenwart werden
in den meisten Bereichen die Korridore für Alternativen enger,
und bezogen auf die Gesellschaft im ganzen ist die Vorstellung
von strukturellen Globalalternativen nicht mehr sinnvoll zu vertreten.
Sie wird auch in unserem eigenen Programm so nicht mehr in Anspruch
genommen. Es geht um Richtungsunterschiede zwischen den großen
politischen Kräften und um Akzentunterschiede bei gesellschaftlichen,
ökonomischen und sozialen Gestaltungsalternativen,
die äußerst wichtig sein können. Unter diesen
Umständen markieren die großen politischen Symbolwörter
"Konservatismus", "Liberalismus" und "Sozialismus",
die im neunzehnten Jahrhundert markante Globalalternativen repräsentierten,
nicht mehr auf informative und zutreffende Weise die politischen
Unterschiede zwischen den großen politischen Kräften.
- In der politischen Kommunikation, die ja ohnehin durch so
viele Unglaubwürdigkeiten und symbolische Inszenierungen
heute belastet ist, ist daher die dauernde und von den sensiblen
und kritischen Teilen des politischen Publikums sehr wohl wahrgenommene
Diskrepanz zwischen den großen Wörtern, die immer
noch ein Stück der Verheißung von Fundamentalalternativen
mit sich führen, und den Differenzen,
wie sie sich in der politischen Praxis täglich zeigen, dazu
angetan, die Entfremdung zwischen den politischen Diskursen und
den Erfahrungen und dem Denken der Menschen in ihren Lebenswelten
und bei der Wahrnehmung der Politik zu vertiefen. Wir sollten
die Suggestion eines politischen Glücksversprechens vermeiden,
an das die meisten ohnehin nicht glauben, das bei vielen sogar
Erschrecken und Abwehr hervorruft. Wir sollten vielmehr deutlich
machen, daß es uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
um die Formulierung und Verwirklichung einer Reform perspektive
geht, um Reformen zu konkreten Veränderungen sehr konkreter
Verhältnisse sozialer Ungerechtigkeit und ökologischer
Unvernunft.
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Die Position des notwendigen Festhaltens am Begriff
"demokratischer Sozialismus"
- Die Sozialdemokratie sollte, statt kleinlaut in den Chor
derjenigen einzustimmen, die den Sieg des Kapitalismus feiern,
darauf beharren, daß Kapitalismus, Marktwirtschaft und
liberale Demokratie ohne das permanente Korrektiv der Idee und
der Praxis des "demokratischen Sozialismus" gar nicht
überlebensfähig und überlebenswert wären.
- Die "Sozialismusfrage" hat sich nicht erst mit
dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme gestellt. Sie ist
verknüpft gewesen mit der Einsicht in die soziologische
Tatsache, daß es in den westlichen Industrieländern
die klassische Arbeiterbewegung nicht mehr gibt und daß
sich die Arbeiterklasse als ohnehin nie genau bestimmbares soziales
Substrat in Schichten, Gruppen, Kreisen, Netzen und Interessenkoalitionen
aufgelöst hat. Die "traditionellen Klassenverhältnisse"
sind inzwischen überlagert durch neue soziale Gegensätze,
die "jenseits von Stand und Klasse" verlaufen.
- Demokratische Sozialisten haben sich in ihrer Geschichte
immer wieder die Frage gestellt und müssen dies auch heute
tun, mit wem sie ihre Ziele erreichen können. Aus der Tatsache,
daß es einen Trend in der Gesellschaft zur Individualisierung,
eine Tendenz zur Pluralisierung der Lebensstile und deutliche
Verhaltensänderungen in Richtung auf Entsolidarisierungen
gibt, zu schließen, daß es für den "demokratischen
Sozialismus" keine soziale Trägerschicht mehr gibt,
bedeutet, in die Falle eines soziologischen Determinismus zu laufen.
Ob der soziale Wandel nicht durchaus auch den Willen zur solidarischen
Selbstorganisierung und partnerschaftlichen Kommunikation stärken
und damit neue Kräfte für Veränderungs- und
Erneuerungsprozesse freisetzen kann, ist noch offen. Dies ist auch
keine Angelegenheit von Postulaten, sondern die Sache konkreter
Praxis, alternativen Lebens, glaubwürdiger politischer Projekte
im Namen und Geist des "demokratischen Sozialismus".
- Zur Funktionsweise kapitalistischer Produktionsverhältnisse
gehört, daß diese zu ihrer Entfaltung auf außer-
oder nichtkapitalistische gesellschaftliche Verhältnisse
bauen bzw. sie zu erhalten trachten müssen und auf vorgegebene
Naturgrundlagen angewiesen sind, die sie zugleich immer wieder
beschädigen, zerrütten und zerstören. Es müssen
nicht nur permanent Waren produziert werden, sondern auch Bedürfnisse,
um den Kapitalverwertungsprozeß in Gang zu halten, und gleichzeitig
müssen die derart verursachten Bedürfnisse, wenn sie
die Existenzfähigkeit der Produktionsweise bedrohen,
kompensiert werden.
Es war in der Tat die demokratische Arbeiterbewegung, die in den
westeuropäischen kapitalistischen Industriegesellschaften
den Kapitalismus zu einem sozial temperierten, aufgeklärt-gezähmten
zu verändern vermochte. Die moderne post-fordistische Gestalt
des Kapitalismus in seinen Zentren läßt inzwischen
theoretisch die Annahme der Möglichkeit einer kapitalistischen
Ökonomie zu, die nicht mehr primär auf der Ausbeutung
menschlicher Arbeitskraft beruht. Sie erlaubt auch, die im grundsätzlichen
eher stabilisierte private Verfügungsgewalt und Entscheidungsfreiheit
über die Produktionsmittel durch eine Erweiterung der öffentlichen
Kontrolle weiter zu demokratisieren über die bekannten Mitbestimmungsformen
hinaus. Denn es ergibt sich ein zunehmender gesellschaftlicher
Steuerungsbedarf, der sich aus der Globalisierung der Kapital-
und Produktionsbeziehungen und aus der Differenziertheit des wirtschaftlichen,
sozialen und technischen Wandels herleitet.
- Die einen sprechen von der Notwendigkeit einer "globalen
Revolution" (Club of Rome), die anderen plädieren für
die Abkehr von der bisherigen dominanten Methode der Energiegewinnung
durch die Verwertung und Verbrennung fossiler Energieträger
im Wege einer "solaren Revolution". Jenseits dieser
begrifflichen Klassifizierung läßt sich mit vielen
Daten belegen, daß die konkrete Art des Lebens und Wirtschaftens
in den entwickelten Zentren des Westens zu einer Belastung der
Ökosphäre der Erde geführt hat, die an eine bedrohliche
Grenze gestoßen ist. Die Übertragung dieses Modells
auf den ganzen Globus würde das Ende des Planeten bedeuten.
Auch hieraus ergibt sich ein supranationaler gesellschaftlicher
Steuerungs bedarf, will man diese Resultate der schrankenlosen
Kapitalverwertung nicht weiter auf eine Katastrophe zutreiben
lassen.
- Auch der Widerspruch der in ihrer Praxis nur vermeintlich
"sozialen" Marktwirtschaft in ihrer gegenwärtigen
Verfassung, wie sie leidvoll gerade die Bevölkerung Ostdeutschlands
ertragen muß, nämlich der Widerspruch zwischen einzelbetriebswirtschaftlicher
Rationalität und gesamtwirtschaftlicher Vernunft, kann nur
auf den politischen Handlungsfeldern gelöst oder gemildert
werden. Es geht dabei - wie es das Berliner Programm fordert
- um eine neue Gewichtung zwischen ökologischem Umbau der
Gesellschaft einerseits, Sozialstaat und Marktwirtschaft andererseits.
- Auf allen diesen Problemfeldern zu bestehen erfordert
demokratisch-sozialistisches Denken. Hier gestalterisch zu wirken, verlangt
das Festhalten an dem, was den "demokratischen Sozialismus"
geschichtsmächtig gemacht hat: Er war und ist alternatives
Prinzip zum Kapitalismus und zugleich regulative Idee des
emanzipatorischen Fortschritts und nicht zuletzt Selbstbezeichnung und
Selbstverständnis der sozialdemokratischen Bewegung.
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Gemeinsame Aufgaben der Zukunft
Auch wenn hier zwei unterschiedliche Optionen vorgestellt wurden,
wie weiter mit dem Begriff des "demokratischen Sozialismus"
um zugehen ist, hat die Sozialdemokratie insgesamt Aufgaben der
Zukunft vor sich, die sich gemeinsam beschreiben lassen. Es muß
darum gehen,
- autonome, selbstregulative Formen der Gesellschaftlichkeit
zu finden;
- ökonomisch rationelles Denken und Handeln in den Dienst
der Befreiung des Menschen von Not und äußeren Zwecken
zu stellen;
- Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens sich ihrer
Individualität bewußter Menschen zu organisieren, in der die
aus der öko nomischen Rationalität sich ergebenden Sachzwänge
ökologisch -kulturellen Zielen untergeordnet sind;
- demokratisch ausgestaltete Rahmenbedingungen zur Erreichung
demokratisch festgestellter Ziele zu schaffen, die soziale
Gerechtigkeit ermöglichen.
Ob eine künftige Gesellschaft, in der diese Ziele einer
Verwirklichung nähergebracht wurden, dann als "demokratisch-sozialistisch"
zu bezeichnen wäre, werden die zu entscheiden haben, die
in ihr leben werden.
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Nachbemerkung
Gewiß: Hätten die Sozialdemokraten heute von einem
imaginären Nullpunkt aus - den es in der Geschichte nicht
gibt - neu zu beginnen, würden sie ihr Wollen wohl nicht
auf den Begriff eines -ismus bringen. Wir sollten heute jedenfalls
immer so konkret wie möglich zu sagen versuchen, was wir
meinen, wenn wir einen politischen Allgemeinbegriff verwenden.
Dies ist besonders notwendig angesichts der so widersprüchlichen
Bedeutungs-, Problem- und Verwirklichungsgeschichte des Sozialismus,
die gerade wir Linken nicht verdrängen dürfen. In diesem
Sinne haben die Begründer der SPD in der DDR im Februar 1990
in ihr Grundsatzprogramm geschrieben: "Wir Sozialdemokratinnen
und Sozialdemokraten in der DDR verwenden darum den Begriff Demokratischer
Sozialismus nur dann, wenn wir überzeugt sind: Er kann nicht
im Sinne des stalinistisch entarteten realen Sozialismus mißverstanden
oder mit seiner Parole demokratischer Sozialismus verwechselt
werden, mit der heute die Erben der SED locken. Deshalb bevorzugen
wir den Begriff Soziale Demokratie."
Dennoch: Es gibt keinen überzeugenden Grund, uns den Begriff
"demokratischer Sozialismus" wegnehmen zu lassen. Wir
haben uns dagegen zu wehren, daß er von Ex-Kommunisten mißbraucht
oder von Konservativen zu einem Schimpfwort gemacht wird. Schließlich
war er ein Begriff der Unterscheidung der Sozialdemokraten
von der kommunistischen ("realsozialistischen") Verfälschung
der sozialistischen Idee. Mit dem Begriff des demokratischen Sozialismus
verbindet sich bis in die Gegenwart das Mühen von Generationen
um mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität.
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KOMMISSION GRUNDWERTE
Vorsitzender:
- Wolfgang Thierse (MdB)
stellv. Vorsitzende:
- Prof. Dr. Thomas Meyer
- Prof. Dr. Barbara Riedmüller-Seel
Mitglieder:
- Prof. Dr. Detlev Albers
- Angelika Barbe (MdB)
- Prof. Dr. Günter Brakelmann
- Dr. Erhard Eppler
- Prof. Dr. Helga Grebing
- Dr. Christine Hohmann-Dennhardt
- Dr. Klaus Mehrens
- Dr. Hans Misselwitz
- Dr. Eberhard Moths
- Dr. Edelbert Richter
- Prof. Dr. Fritz Scharpf
- Prof. Dr. Richard Schröder
- Prof. Dr. Johano Strasser
- Reinhard Ueberhorst
- Prof. Dr. Ernst U. von Weizsäcker
Korrespondierende Mitglieder:
- Prof. Dr. Iring Fetscher
- Martin Gutzeit
- Prof. Dr. Susanne Miller
- Prof. Dr. Peter von Oertzen
- Heinz Rapp
- Dr. Hans-Jochen Vogel (MdB)
Berater:
- Wolf-Michael Catenhusen (MdB)
- Markus Meckel (MdB)
- Michael Müller (MdB)
Sekretär:
- Burkhard Reichert
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