Ein Text von Christian
Reinke in "Rote Depesche - Informationsdienst der
JungsozialistInnen in der SPD Mecklenburg-Vorpommern Nummer 11 *
Februar 1999"
Warum arbeiten SozialistInnen in der SPD?
Immer wieder werden aktive jungsozialistInnen mit der Frage
konfrontiert: "Warum arbeitet ihr als SozialistInnen eigentlich in der
SPD?" Diese Frage wird aus unterschiedlichen Beweggründen heraus
gestellt. Einerseits von Linken außerhalb der SPD, die emotional
überhaupt nicht nachvollziehen können, wamm SozialistInnen
in der "ach so unsozialistischen" SPD arbeiten und wo doch die
SPD (gerade in der Regierung) eine linke Pogtion nach der anderen
aufgibt. Andererseits von Mitgliedern der SPD, die der Auffassung
sind, da die SPD keine "sozialistische" Partei sei, hätten
SozialistInnen in ihr nichts zu suchen.
Zunehmend sind auch innerhalb des Juso-Verbandes Unklarheiten über
die Grundlagen der eigenen Arbeit zu bemerken. Dies führt dann
entweder zu einer zu unkritischen Übernahme von SPD-Positionen oder
aber zu einem verbalen Radikalismus, der nicht durch politische
Inhalte und Strategien untermauert wird. Beides führt in die politische
Sackgasse.
Notwendig ist stattdessen eine intensive Bestimmung der politischen
Rolle von SozialistInnen in der SPD und die intensive Diskussion der sog.
"Sozialdemokratie-Orientierung" (SdO) von SozialistInnen. Nur so
können SozialistInnen der Versuchung widerstehen, sich entweder in
der "real existierenden Sozialdemokratie" oder im Elfenbeinturm eines
"sozialistischen Verbalradikalismus" behaglich einzurichten.
Der nachfolgende Artikel soll den Anstoß zu dieser dringend notwendigen
Debatte liefern.
Keine Gefühlsentscheidung
Landläufig herrscht die Vorstellung vor, man müsse in die Partei
eintreten, die mit den eigenen politischen Positionen am ehesten
vereinbar sei. Deshalb müssen Jusos häufig einen Schwall der Entrüstung
über sich ergehen lassen, wie man denn "als Linker oder Linke in die
SPD eintreten könne". Schließlich sei doch die SPD die Reinkarnation
des Bösen und es sei schließlich nicht mit einem "linken Gewissen"
vereinbar, diese Partei zu unterstützen. Alternativen sind nach
Auffassung dieser selbsternannten "Hüterlnnen des reinen Gewissens"
entweder das behagliche Einrichten in einer linken Politsekte oder
der ostdeutschen Regionalpartei PDS oder (in der besonders
revolutionären Variante) das ständige Aufregen im Wohnzimmer
über den periodisch wiederkehrenden "Verrat" der SPD-Spitze. Mit
diesen vorgeschlagenen Alternativen bleibe man zwar erfolglos, aber
immerhin "ideologisch rein" (nebenbei bemerkt: die Nähe zu
fundamentalistischen ReligionsanhängerInnen ist kaum zu übersehen).
Im Gegensatz zur oben benannten Auffassung, man trete aus
Gewissensgründen in diese oder jene Politgruppe ein, sind die
meisten aktiven Jungsozialistlnnen in Mecklenburg-Vorpommem nicht
aus Gründen des Wohlfühlens Mitglied der SPD geworden, sondern aus
strategischen Gründen. Was nützt eine "ideologisch reine" Position,
wenn ihre Durchsetzungschance gegen Null geht?
Deshalb ist zunächst die Bestimmung von Eckpunkten einer
"sozialistischen Politik" notwendig und anschließend zu klären, mit
welcher Strategie diese Politik umgesetzt werden kann (und dies ohne
Aufwallung der "linken Gefühle").
Kapital und Arbeit
"Sozialistische Politik" geht vorrangig von einer Tatsache aus, die das
Leben fast aller Menschen dieser Welt prägt: dem Interessengegensatz
zwischen Kapital und Arbeit. Diese beiden Seiten Kapital (modern: die
Unternehmen) und Arbeit (modern: die abhängig Beschäftigten) streiten
sich um Anteile am gesellschaftlichen Reichtum. Der Reichtum wird
vermehrt durch gesellschaftliche Arbeit. Dabei haben die Beschäftigten
das Interesse, mit möglichst wenig Arbeitszeit und Arbeitskraft möglichst
große Anteile am gesellschaftlichen Reichtum zu bekommen. Die
Kapitalbesitzer haben das Interesse, menschliche Arbeitskraft zu
möglichst niedrigen Preisen (Löhne und Gehälter) möglichst maximal
auszunutzen, damit sie möglichst große Gewinne einstreichen können.
Diese Interessen sind nicht miteinander vereinbar; die Durchsetzung von
Beschäftigteninteressen schränkt das Verwertungsinteresse der
Kapitalbesitzer ein und umgekehrt, schließlich können die Stücke des
Kuchens nur einmal verteilt werden.
"Sozialistische PoIitik" besteht nun vor allem darin, die Interessen
derjenigen, die den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, als legitim
anzusehen und die Interessen derjenigen, die sich anderer Hände und Köpfe
Arbeit unbezahlt aneignen, für illegitim zu halten. Sozialistische Politik
bedeutet also nicht die "Verwirklichung einer über den Dingen stehenden
Vernunft", sondern die Parteinahme für die Erarbeiterlnnen des
gesellschaftlichen Reichtums.
SozialistInnen haben ihre Politik also nicht nach eigenen Wünschen,
Bedürinissen und Gefühlen zu orientieren, sondern an der Frage, ob diese
oder jene Forderung bzw. Aktion den Beschäftigten nutzt und damit
die Macht des Kapitals (wenigstens partiell) einschränkt.
Sozialismus und Demokratie
Ziel von SozialistInnen ist eine Gesellschaft, "worin die freie Entfaltung
eines jeden die Bedingung für die freie Entfaltung aller ist" (Marx/Engels).
Einige behaupten, diese Gesellschaft sei mit der bestehenden
bürgerlich-pariamentarischen Demokratie bereits verwirklicht. Doch
die Realität sieht anders aus: die Vorstände der großen Banken und
Konzerne, der Arbeitgeberverbände und die Besitzer der großen Medien
haben zur Zeit mehr Macht als alle Parlamente und Regierungen
zusammengenommen. Hinzu kommt, daß angesichts der aktuellen Entwicklung
(Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, Hinwendung zu
Niedriglohnsektoren, Sozialabbau) immer mehr Menschen die Chance
genommen wird, sich wenigstens in bescheidenem Maße politisch zu
artikulieren und engagieren.
Sozialistische Poltik bedeutet nicht nur die Beteiligung der
Beschäftigten am gesellschaftlichen Reichtum und die Einschränkung und
Beseitigung entwürdigender Arbeitsverhältnisse, sondern auch die
Verstärkung der Beteiligungsmöglichkeiten an gesellschaftlichen
Entscheidungen, d.h. den Ausbau der Demokratie.
Damit ergibt sich für SozialistInnen "von selbst" die Gegnerschaft
sowohl zur massiven Einflußnahme der Kapitalbesitzer in gesellschaftliche
Entscheidungen als auch zu Versuchen, "Sozialismus" ohne Demokratie
verwirklichen zu wollen. Sozialismus ist ohne Demokratie nicht
machbar!
Mobilisierung statt Stellvertreterpolitik
Um sozialistische Politik erfolgreich durchzusetzen, muß die bisher
propagierte Stellvertreterpolitik überwunden werden. SozialistInnen
dürfen nicht allein Politik "für" die Beschäftigten machen, sondern
müssen versuchen, die Beschäftigten für ihre ureigensten Interessen zu
mobilisieren. Nur so läßt sich die Überwindung von Kapitaldominanz und
die radikale Demokratisierung der Gesellschaft erreichen. Nur wenn
die Beschäftigten wissen, worum es geht, sind sie mit ganzem Herzen
und Verstand dabei. SozialistInnen richten also ihr Hauptaugenmerk
nicht darauf, Menschen zur Wahlurne zu mobilisieren, um dann
anschließend wieder vier Jahre Desinteresse zu zeigen, sondern darauf,
die Beschäftigten zu motivieren, "sich selbst" um alles zu kümmern.
Dies kann geschehen bei Arbeitskämpfen (Streiks, Betriebsbesetzungen),
bei Demonstrationen gegen Sozial- und Demokratieabbau, aber auch bei
lokalen und regionalen Initiativen. Ziel von SozialistInnen muß
dabei erstens die Unterstützung entsprechender Aktivitäten sein.
Zweitens muß es aber auch darum gehen, über die konkreten Ziele
hinausgehende Forderungen einzubringen und mit den Beschäftigten zu
diskutieren sowie entsprechende Aktivitäten zu propagieren.
Arbeit in Gewerkschaften und in der SPD
Daraus ergibt sich vor allem die Notwendigkeit, in den Organisationen
zu arbeiten, die die stärkste Verankerung bei den Beschäftigten haben.
Dies sind im Bereich der Arbeitswelt die Gewerkschaften sowie im
politischen Raum die sozialdemokratische Partei.
Innerhalb der Gewerkschaften gibt es, grob gesprochen, zwei Orientierungen.
Erstens die "soizalpartnerschaftliche", die von den meisten
Gewerkschaftsführungen und nicht unwesentlichen Teilen der Basis
unterstützt wird (diese Orientierung setzt vor allem auf Kompromisse
und Konsense mit den Arbeitgebern "zum Wohle des Standorts"). Sowie
zweitens die "kämpferische", die von der Gewerkschaftslinken vertreten
wird und Gewerkschaftsforderungen im Konflikt mit den Kapitalbesitzern
durchsetzen will.
SozialistInnen unterstützen Gewerkschaften dort, wo sie bereit sind,
ihrer Rolle als "Gegenmacht" gerecht zu werden. In gewerkschaftsinternen
Auseinandersetzungen geht es SozialistInnen also nicht ums "Dabeisein",
sondern vor allem um die Stärkung der kämpferischen Orientierung.
Im politischen Spektrum geht es um die Durchsetzung der Interessen von
Beschäftigten im parlamentarischen und vorparlamentarischen politischen
Raum. Die stärkste Verankerung bei den Beschäftigten hat die SPD
aufzuweisen. Dies wird auch dadurch deutlich, daß andere linke
Parteien und Gruppen sowie soziale Bewegungen immer wieder versuchen,
"Druck auf die SPD auszuüben". Damit geben sie ungewollt zu, worum es
SozialistInnen eigentlich geht oder gehen müßte: um eine
Links-Positionierung der SPD.
Deshalb ist der Kampf um eine Linkswende der SPD-Politik neben
Gewerkschaftsarbeit und außenparlamentarischer Mobilisierung die
wichtigste Aufgabe für Sozialistinnen und Sozialisten, eben nicht aus
Gefühlsgründen, sondern allein aus Gründen der starken Verankerung
der SPD bei den abhängig Beschäftigten. Und wo könnte ein solcher
Kampf um die Linkswende der SPD sinnvoller angesiedelt sein, als
innerhalb der Partei, um die gekämpft wird, also innerhalb der SPD selbst?
Dabei darf es nicht um die Unterstützung der "offiziellen" SPD-Politik
des Herumlavierens und der Anpassung an den Zeitgeist gehen, sondern
um die Zurückgewinnung der SPD für eine linke Politik. Dies ist
ein völlig ausreichender und wahrscheinlich der beste Grund für die
Mitgliedschaft und Mitarbeit von SozialistInnen in der SPD.
Christian Reinke ist Mitglied im SPD-Landesvorstand MV