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die Seiten der Sozialistischen Jugend - Die Falken im Kreisverband Bad Doberan |
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Pädagogisch-politische Aspekte des Zeltlagers
Ein ausführlicher Text von Heinrich Eppe zur Zeltlagerpädagogik im Allgemeinen und in der Besonderheit der Falken, mit einem Rückblick auf die Ursprünge und unter der besonderen Berücksichtigung der Mitwirkungsmöglichkeiten der Kinder.
Jährlich fahren wohl einige hunderttausend Kinder in den Sommerferien ins Zeltlager. Angesichts dieser Größenordung überrascht es, wie wenig UniversitätspädagogInnen in den erziehungswissenschaftlichen Zeitschriften darüber schreiben. lhr Blick ist vornehmlich auf die Erziehung in der Familie und die Bildung in der Schule gerichtet. Die pädagogischen Chancen von Zeltlagern bleiben innen weitgehend verborgen. Zeltlagerdefinition Zeltlager sind kurzzeitpädagogische "Maßnahmen" (in der Regel 3 Wochen) für Kinder und Jugendliche, außerhalb von Familie, Schule und Erwerbsarbeit, wobei die TeilnehmerInnen vor allem mit Gleichaltrigen in den Ferien, in meist ländlicher Umgebung, in Zelten zusammenleben. Diese Definition sagt nichts über die innere Struktur, die Atmosphäre oder die pädagogische Gestaltung aus. Diese Definition trifft deshalb auf alle Zeltlager gleichermaßen zu. Die unterschiedlichen weltanschaulichen Strömungen, die im Bereich der Jugendhilfe pädagogisch tätig sind, füllen das Erziehungsfeld "Zeltlager" mit eigenen Inhalten aus, die ihren ideologischen und ethischen Grundüberzeugungen entsprechen. Von "Zeltlagerpädagogik" aus nacktem Begriff zu reden, macht deshalb wenig Sinn und dient nur der Abgrenzung des "Zeltlagers" von anderen Erziehungs- und Sozialisationsfeldern wie z.B. Familie, Schule und beruflicher Ausbildung. Entscheidend ist deshalb das bestimmende Adjektiv, das ausdrückt, ob es sich um ein Pfadfinderlager, ein Falkenlager, ein katholisches, evangelisches, nationalsozialistisches, anthroposophisch ausgerichtetes oder kommunistisches Zeltlager handelt. Im folgenden geht es um die Zeltlager für Kinder bis etwa 15 Jahren, die von den Falken durchgeführt werden, die zur sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland gehören. Rückblick Sozialistische Zeltlagerpädagogik, als Teil einer Erziehungskonzeption für den außerschulischen, außerfamiliären Bereich, kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Sozialdemokratische ErzieherInnen verknüpften im ersten Viertel dieses Jahrhunderts die Reformpädagogik mit dem Menschenbild, der Ethik und dem politischen Reformprogramm der Arbeiterbewegung. Man kann sie als die sozialdemokratische Fortentwicklung der bürgerlichen Reformpädagogik bezeichnen. Die Reformpädagogen nach der Jahrhundertwende lehnten die autoritäre Drillschule ab und versuchten den Eigenwert des Kindes in den Vordergrund zu stellen. Sie förderten die Eigeninitiative und Selbsttätigkeit des Kindes und akzeptierten die kindlichen Ausdrucksformen, z.B. im kreatven Gestalten. Das Selbstwertgefühl des Kindes sollte nicht gebrochen sondern gestärkt werden. Sie sahen die Aufgabe der Erziehung vielmehr darin, autonome, selbstbewußte Persönlichkeiten heranzubilden. Den sozialistischen Erziehern ging dies nicht weit genug. Insbesondere fehlte ihnen das, was heute als soziale und politische Erziehung bezeichnet wird. Sie reklamierten eine spezifische politische Erziehung für Kinder aus Arbeiterfamilien. Diese Kombination von Reformpädagogik und Sozialismus hat sich als erfolgreich erwiesen z.B. in der Kinderfreundebewegung und in einigen Modellschulen. Die Kinder - so glaubte man damals werden in wenigen Jahren eine sozialistisch-demokratische Gesellschaft gestalten müssen. Auf diese Aufgabe müßten sie in kindgerechter Weise vorbereitet werden. Kurt Löwenstein, der organisatorische Motor und geistige Mentor der Kinderfreundebewegung und seine Mitstreiterlnnen gehörten zu jenen Pädagogen, die wußten, daß Kinder mehr können als ihnen Erwachsene gemeinhin zutrauen. Sie wußten, daß Kinder zu einem großen Teil die Fähigkeiten entwickeln, die Erwachsene von ihnen erwarten, im positiven und im negativen Sinne. Wenn sie 12-14jährigen zutrauten, im Zeltlager wichtige Entscheidungen, die das Zusammenleben aller betrafen, in vernünftiger Weise zu treffen, so gelang ihnen dies meist auch. Ermunterung nicht Strafe, Förderung der Eigeninitiative, Verantwortung in und für die Gemeinschaft zu übernehmen, Freude am gemeinsamen Werk, nicht Ermahnungen wie "Du darfst nicht", "Du sollst nicht", sondern Ermutigung, selbst eine vernünftige, gerechte und freundliche Form des Zusammenlebens zu finden und zu gestalten, waren Kennzeichen dieser modernen Pädagogik. Sozialistische Erziehung bedeutete die radikale Abkehr von autoritären Sozialbeziehungen und Verkehrsformen. Die großen Zeltlager - Kinderrepubliken genannt - wurden in der Weimarer Zeit zum Markenzeichen der Kinderfreunde, die sich ab 1926 immer häufiger als "Falken" bezeichneten. Dort sollten demokratische Grundeinstellungen erlernt werden. Nicht durch Unterrichtsvermittlung, sondern durch die gelebte Praxis. Einige Regeln, die das Zusammenleben in der Kinderrepublik betrafen, wurden in einem gewählten Lagerparlament beraten und über sie entschieden. Solche Aufgaben überforderten die Kinder ebensoviel und ebensowenig wie Erwachsene. Es war aber eine Provokation. Denn noch herrschte die Überzeugung vor, daß Kinder apolitische Wesen seien, die erst einmal lernen sollten sich einzufügen und zu gehorchen, bevor sie selbst nach eigenen, veränderbaren Regeln zusammenleben könnten. Der Kinderfreundebewegung blieben nur wenige Jahre, um ihre Konzepte zu erproben. Nach 1945 wurde sie von der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken fortgesetzt, in einem veränderten politischen Umfeld, aber immer noch als Herausforderung an die übliche Pädagogik. Denn das Programm der Reformpädagogik vom Beginn dieses Jahrhunderts ist in der Bundesrepublik zwar propagiert, aber nicht erfüllt worden. Doch dem fortschreitenden Demokratisierungsprozeß, in besonderem Maße nach 1968, konnte sich auch die traditionelle Pädagogik nicht entziehen. Viele Jugendorganisationen und Pädagogen entwickelten ähnliche Konzepte wie die Kinderfreunde in der Weimarer Repuplik, ohne bewußt auf ihnen aufzubauen. Einige dieser Grundeinsichten haben sich im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) niedergeschlagen. Das Zeltlager - "besondere Kennzeichen" Zeltlager haben für die Falken und sicher auch für andere Jugendorganisationen eine solch zentrale Bedeutung in ihrer Erziehungsarbeit, weil sie die Möglichkeiten sozialen Lernens für Kinder entscheidend erweitern. Hier können Lernprozesse im Umgang mit Gleichaltrigen eingeleitet und eine erweiterte Eigengestaltung des Zusammenlebens erfahren werden, wie sie in dieser Weise weder in der Familie, noch in der Schule möglich ist. Zeltlager sind deshalb eine pädagogische Antwort auf die mit dem Alter zunehmende Bedeutung der Gruppe der Gleichaltrigen für den Erziehungs- und Sozialisationsprozeß. Anhand der Definition von "Zeltlager" sollen im folgenden einige Besonderheiten dieses pädagogischen Feldes beschrieben und einige ihrer pädagogischen Möglichkeiten erörtert werden. Zeltlager sind kurzzeitpädagogische Maßnahmen Sie werden meist von den Trägern der Jugendhilfe, dem Jugendamt, den Jugend- und Wohlfahrtsorganisationen und Kirchen, den Eltern angeboten. In der Regel nehmen sowohl Mitglieder der veranstaltenden Organisation als auch Kinder, die bislang noch keinen Kontakt zu Jugendverbänden hatten, teil. Je höher der Anteil von Mitgliedern der eigenen Organisation ist, desto eher ist zu erwarten, daß sich die Erziehungsprinzipien des Veranstalters verwirklichen lassen. Wenngleich die Fähigkeit von Kindern, sich mit der neuen ungewohnten Umgebung in einem Zeltlager zu arrangieren und einzugewöhnen, recht groß ist, fällt es Kindern, die mit ihrer Gruppe, mit Kindern, die sie schon über längere Zeit und aus den verschiedenen Gelegenheiten her kennen, wesentlich leichter, sich in den ersten Tagen zurechtzufinden. Aus der Sicht der Jugendverbände, zu denen Kinder und Jugendliche nur ein- bis zweimal die Woche kommen, sind Zeltlager von dreiwöchiger Dauer nicht "kurz"zeitpädagogische sondern eher "lang"zeitpädagogische Projekte. Seit den 20er Jahren werden Zeltlager bei den Falken als Höhepunkt der Jahresarbeit der Kindergruppen betrachtet. Denn bei keiner anderen Jugendverbandsaktivität sind die Beziehungen zwischen HelferInnen und Kindern so intensiv und damit auch sozialisationswirksam wie in diesen drei Wochen. Daraus erwächst auch eine besondere pädagogische Verantwortung für den Veranstalter und die HelferInnen. Zeltlager sind Ferien Pädagogen zeichnet häufig ein Sendungsbewußtsein aus. Sie wollen, daß Kinder "das Richtige" lernen. In der Gelegenheit, mit Kindern rund um die Uhr zusammenzuleben, erkennen sie häufig die Chance, ihre pädagogische Mission voll zum Tragen zu bringen. Dieser gutgemeinte Eifer sollte Grenzen haben. Selbstverständlich lernen die Kinder im Zeltlager. Manches Kind überrascht seine Eltern nach den drei Wochen mit ungewohnten Verhaltensweisen; sucht nicht mehr nach Ausreden, um sich vor dem Abwasch zu drücken, will bei den Diskussionen über die neue Wohnungseinrichtung mitreden, stellt häufiger die Frage nach dem "Warum", wird "eigensinniger". Stille Kinder können aufgemuntert, aufgeregte Kinder gelassener aus dem Zeltlager zurückkehren. Lernen im ZeltIager ist vor allem Lernen in Gruppen von Gleichaltrigen für ein ausgewogenes Verhältnis von Individualität und sozialer Anpassung, von Selbstbehauptung und verträglichem Leben in der Gemeinschaft. Lernen im Zeltlager ist nicht die Fortsetzung der Schule die leistungsbezogene, sofort abrufbare Erkenntnisschritte von ihren Schülern fordert. Schöne Ferien sind aber nicht faule, sondern interessante Ferien. Interessant sind Ferien vor allem dann, wenn sie neue Erfahrungen ermöglichen. Zeltlager finden in Zelten statt In der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit wurden Zeltlager für Kinder auch wegen der relativ geringen Kosten für einen Ferienaufenthalt durchgeführt. Dafür wurden die unausweichlichen Unbequemlichkeiten in Kauf genommen. Aber es gab noch einen anderen Grund, der heute viel bedeutsamer geworden ist, als es damals absehbar war. Im Vergleich zu den Lebensverhältnissen zu Hause, geht es im Zeltlager "elementarer" zu. Diese zeitweise Einbuße an zivilisatorischen Selbstverständlichkeiten ist für viele Kinder aus mechanisierten Haushalten eine hilfreiche Erfahrung. Mithilfe beim Geschirrspülen, beim Reinigen der Waschräume und Toiletten ergibt sich notwendig. Schmutzige Wäsche muß selbst gewaschen werden, selbst wenn inzwischen Waschmaschinen auch im Zeltlager anzutreffen sind. Mehr als in der Familie müssen Kinder Verantwortung für sich selbst übernehmen. Nicht allen Kindern gelingt dies auf Anhieb. Zu Hause sieht die Mutter oder der Vater darauf, daß sich das Kind jeden Morgen wäscht und mit gekämmten Haaren und ordentlich angezogen aus dem Haus geht. Im Zeltlager muß das Kind diese Entscheidung selbst treffen. "Was ziehe ich bei dem Wetter an?", "Soll ich mir die Ohren waschen, auch wenn sie keiner kontrolliert?", "Soll ich die Neigungsgruppe wechseln?", "Wie teile ich mir das Taschengeld ein?". HelferInnen können nicht erwarten, daß die Kinder, vor allem wenn sie zum ersten Mal im Lager sind, immer von selbst damit zurecht kommen. Ihre/seine Aufgabe liegt darin, im richtigen Augenblick ermunternd (nicht tadelnd) einzugreifen. Wenn HelferInnen z.B. sehen, daß sich ein Junge zwei Tage lang nicht gewaschen hat, so ist es im Zeltlager möglich, noch einen dritten Tag zuzusehen, wie ihm langsam unwohl in seiner Haut wird und die Überzeugung bei ihm wächst, daß Körperpflege keine unsinnige Forderung der Eltern ist, sondern eine sinnvolle und notwendige Aufgabe, die er in eigene Verantwortung nehmen muß. Die Übernahme von Alltagsverantwortlichkeiten ist Teil der Erziehung zur Selbständigkeit. Manche Kinder, zumal wenn sie aus überfürsorglichen Ein-Kind-Haushalten kommen, erleben in ihrem ersten Zeltlager die Ambivalenz von Freiheit und Verantwortlichkeit sehr intensuv. Drei Wochen ohne Fernsehen Nicht alle Kinder wachsen in Familien auf, die ihnen optimale Anregungen für ihre emotionale und intellektuelle Entwicklung auf den Weg gehen. Etwa ein Drittel der Kinder, die zum ersten Mal in unsere Zeltlager kommen, lesen zu Hause nie in einem Buch. Vermutlich werden sie es später auch nicht tun. Eine wichtige Forderung der Aufklärung und des Humanismus, ist es aber, daß sich möglichst viele Menschen, Zugang zu Kultur, Politik und Wissenschaft eröffnen können. Die Fähigkeit "Lesen" ist dafür die wichtigste Voraussetzung. Literarische Erziehung erfahren Kinder (außer in der Schule) häufig nur über die meist einfältigen Hörspielkassetten mit "Benjamin Blümchen", der kleinen Hexe "Bibi Blocksberg", "He-Man", den "Turtles" und wenns gut kommt über "Pippi Langstrumpf". Die traditionelle "Gute-Nacht-Geschichte", die HelferInnen im Zelt vorlesen, kann noch mehr Kindern Lust aufs "Selber-Lesen" machen. Wenn dies auf solche Weise gelingt, dann hätte auch das "Vorlesen" eine bedeutsame politische Funktion. Eigengestaltung Zeltlager haben im Unterschied zu Heimfreizeiten in festen Einrichtungen, wie Jugendherbergen oder Naturfreundehäuser, den Vorteil, daß die Lebensumgebung freier gestaltet werden kann. Ein Zeltlager macht sich seine "Hausordnung" selbst. Der Veranstalter hat von vornherein die Möglichkeit, ein größeres Zeltlager zu dezentralisieren und mit Dorfstrukturen kleinere übersichtliche Einheiten zu schaffen. In den ersten Tagen machen sich die Dorfbewohner daran, ihr Dorf wohnlich auszugestalten, einen attraktiven Dorfeingang zu bauen und eine Feuerstelle herzurichten. Im Ausgleich für die Unbequemlichkeiten eines Zeltlagers gewinnen die TeilnehmerInnen Gestaltungsfreiheit, nicht nur für das äußere Arrangement, sondern auch für die Regeln des Zusammenlebens. Teilweise Selbstgestaltung des Zusammenlebens Für die ersten Tage muß der Veranstalter Regelungen zur Bewältigung des Alltags vorsehen, um die Grundversorgung der Kinder sicherzustellen. Doch solche Regeln sind zum Teil durchaus variabel und können von den Teilnehmerlnnen zu einem gewissen Grade selbst bestimmt werden. Regeln, die für alle verbindlich sein sollen, bedürfen einer demokratischen Legitimation. Außerdem muß der Veranstalter deutlich machen, welche Entscheidungen, ganz, teilweise oder gar nicht den Teilnehmern überlassen werden können. Über Fragen, die z.B. den Gesamtetat des Zeltlagers gefährden können oder worüber es rechtliche Regelungen gibt, kann selbstverständlich nicht frei entschieden werden. Aber es bleibt dennoch ein großer Entscheidungsrahmen übrig. Er reicht vom Tagesablauf, der Programmplanung über die Ausgestaltung und Einrichtungen des Lagers, bis zur Verwendung des Überschusses beim Verkauf am Kiosk. Erste Schritte zum verantwortlichen politischen Handeln Was können nun Kinder bei dieser Mitgestaltung eines Zeltlagers an sozialen Fähigkeiten lernen, wozu sie in Familie und Schule keine Gelegenheit finden. Beispielhaft sei die Mitwirkung im Kinderrat, Lagerparlament, Lagerrat ... herausgegriffen. Solche Entscheidungs"gremien" gehen aus Wahlen hervor. Kinder fragen sich: Wem traue ich eine solche Aufgabe zu? Bin ich selbst in der Lage, eine solche Aufgabe zu übernehmen? Bringe ich den Mut auf, mich zur Wahl zu stellen, das Risiko einer Nicht-Wahl einzugehen und die "Niederlage" zu verkraften? Kann ich im Falle der Wahl, diese Verantwortung übernehmen und die Ansprüche, die dann an mich gestellt werden, erfüllen? Was den HelferInnen als einfacher Vorgang der Kandidatenaufstellung erscheint, ist für Kinder ein intensiver Prozeß der Selbstreflektion, in dem sie versuchen müssen, sich selbst realistisch einzuschätzen und zwischen dem was sie sein wollen und dem was sie (nach eigener Einschätzung) sind zu unterscheiden. Dies ist oft ein schmerzlicher aber heilsamer Vorgang. Aufgabe der HelferInnen ist es, den Ängstlichen Mut zu machen, ohne sie zu uberfordern. Alle, die in "Amter" gewählt werden, stehen vor der Notwendigkeit, persönliche Wünsche und die Erfordernisse ihres Dorfes bzw. des Lagers insgesamt auseinanderzuhalten. Sie müssen sinnvolle und gerechte Entscheidungen für das Zusammenleben aller treffen. Je früher Kindern und Jugendlichen dies gelingt, desto selbstverständlicher wird später ihre Bereitschaft, "politische" Aufgaben zu übernehmen, in der Jugendorganisation, in Elternvertretungen, Gewerkschaften, in der Kommune, in Parteien, Vereinen, Initiativen ... Jede Demokratie lebt davon, daß es viele Menschen mit dieser Bereitschaft und Erfahrung gibt. Erste Fundamente dafür können in Zeltlagern gelegt werden. In den siebziger Jahren gingen Gliederungen der Falken dazu über, statt Lagerparlamente mit ihrem repräsentativen Vertretersystem, Vollversammlungen einzuführen. Diese Form der direkten Demokratie sei einer parlamentarischen Struktur überlegen, da alle beteiligt sind. Abgesehen von der Schwierigkeit, daß Vollversammlungen, wenn sie über die Dorfebene hinausreichen, so große Versammlungen werden, daß sie mehr der Verkündigung von Meinungen dienen als der Beratung, besteht zwischen gewähltem "Parlament" und Vollversammlung ein bedeutsamer Unterschied, der auch Folgen für das politische Lernen hat. In einer Vollversammlung vertritt der Teilnehmer nur sich selbst, seine eigenen Bedürfnisse und individuellen Wünsche. Ohne sich weitere Gedanken zu machen, könnte er eine Lagerruhe für 24.00 Uhr fordern. In einem Lagerparlament wird eine solche Forderung, wenn überhaupt, nur sehr selten vorkommen. Denn die gewählten Mitglieder des Lagerparlamentes sind durch ihr Wahlamt vor die Notwendigkeit gestellt, die sinnvollste Entscheidung zu treffen, die dem Gemeinschaftsleben am zuträglichsten erscheint. Unter dem Blickwinkel des politischen Lernen und Handelns ist das "Parlament" der Vollversammlung überlegen. Auf Dorfebene sind Vollversammlungen der Teilnehmerlnnen aber durchaus sinnvoll, da mehr Kinder sich an den Beratungen und Entscheidungen beteiligen können. Falsche Beschlüsse Kinderräte und -parlamente fassen, wie alle anderen Gremien, auch falsche Entschlüsse. Aus pädagogischer Sicht ist dies kein Mangel, sondern sollte als Chance erkannt werden, neue Erfahrungen zu sammeln. Der Beschluß des Lagerparlamentes etwa, den Zeitpunkt der abendlichen Zeltruhe jedem einzelnen oder jedem Zelt selbst zu überlassen, wird in der Regel schon nach wenigen Tagen korrigiert. Viele HelferInnen werden in den ersten Tagen die Köpfe schütteln über die "unnötigen" Probleme, die eine individuelle Regelung mit sich bringt. Aber die Klagen über die lauten Nächte, die Müdigkeit am Morgen, die erregten Diskussionen in denen sich die Kinder für ihren Beschluß rechtfertigen müssen, die kritisierenden Beiträge in der Lagerzeitung und die unangenehme Einsicht, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, all dies sind für Kinder bedeutsame Erfahrungen für ihre politische Sozialisation und ihr demokratisches Selbstverständnis. Nur ein Zeltlager in seiner relativen Abgeschiedenheit kann dieses Zugeständnis an organisatorische Ineffektivität ertragen. Der erwünschte soziale Lernprozeß geschieht ohne pädagogisches Arrangement und ohne die Unverbindlichkeit eines Planspiels. Er vollzieht sich an der Grenzlinie zwischen Sozialisation und Erziehung oder - wie man es früher ausdrückte - zwischen funktionaler und intentionaler Erziehung. Darin dürfte ein Grund für die spezifische Wirksamkeit der Zeltlagerpädagogik liegen. "Pädagogische Provinz" in der Provinz Traditionell finden Zeltlager in ländlichen Gegenden statt. Die Kinder kommen zumeist aus der Stadt, in der die letzten freien Quadratmeter zugebaut und selbst die Spielplätze genormt und "bewacht" sind. Nur in ländlichen Gegenden gibt es noch Flecken, die man frei durchstreifen kann. (Wobei allerdings auch hier besondere Verhaltensregeln gelten, die Großstadtkinder erst lernen müssen). Obwohl das Leben auf dem Lande sich längst den städtischen Lebensansprüchen angenähert hat, birgt es doch für Kinder eine Reihe von neuen Erfahrungen. Ein Besuch beim Bauern oder eine nächtliche Wanderung im Wald stößt bei Stadtkindern auf großes Interesse. Der Nachthimmel ist dunkler und klarer als in der Stadt und zeigt Sterne in nie gesehener Zahl und Prägnanz. Die Erfahrung zeigt, daß gerade Gruppenunternehmungen in der Nacht oder im Außenlager zu sehr ernsthaften "philosophischen" Gesprächen mit Kindern führen können. Gruppen und Neigungsgruppen Die Aktivitäten im Zeltlager lassen sich grob in zwei Typen einteilen.
Diese Zweiteilung hat sich bewährt. Sie erlaubt den Kindern ihren besonderen Neigungen nachzugehen, mit Kindern mit gleichen Interessen zusammenzukommen und, über die Wohngruppe und das Dorf hinaus, Kontakte aufzunehmen und zwar in dem Maße, wie die Kinder es für sich selbst zuträglich und interessant finden. Die breite Palette von Aktivitäten in einem Zeltlager eröffnet die Chance, daß sich Kinder, deren Stärke nicht in schulischen Leistungen liegt, mit anderen Leistungen ihrer Intelligenz, Kreativität und ihren praktischen Fähigkeiten eine selbstwertfördernde Anerkennung verschaffen können. Bei all diesen Aktivitäten lassen sich auch die negativen Folgen einer zu starren geschlechtstypischen Erziehung mildern. Jungen wie Mädchen können sich, wenn die Atmosphäre im Zeltlager dazu angetan ist, leichter aus Fesseln ihrer Geschlechtstypisierung befreien, als in der Schule. Vom Erlebnis "Zeltlager" erzählen die TeilnehmerInnen noch Jahre später. Das Besondere prägt sich im Gedächtnis tiefer ein als das Alltägliche. Aber auch die pädagogischen HelferInnen können stundenlang über ihre Erfahrungen, ihre erzieherischen Erfolge und ihre Enttäuschungen berichten. Denn auch für sie ist ein Zeltlager ein herausragendes Ereignis im Jahresablauf. Drei Wochen rund um die Uhr im Einsatz, mit hoher Verantwortung und immer unter Beobachtung von Kindern. Sie wissen, daß Kinder sie zum Vorbild für ihr eigenes Verhalten nehmen und müssen sich deshab viel an Selbstdisziplin abfordern. Der besondere Reiz, der dennoch von diesen Wochen ausgeht, dürfte in der Herausforderung liegen, die eigene pädagogische Phantasie und Entscheidungsfähigkeit in kniffligen, unvorhersehbaren Situationen unter Beweis zu stellen. Die erzählten Geschichten sind Legion. Aufgeschrieben werden sie nur selten. Heinrich Eppe ist Leiter des Archives der Arbeiterjugendbewegung
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