Nairobi (dpa) Kosovo mag die Hölle sein, aber die vergleichsweise schlimmeren Fegefeuer lodern immer noch auf den Schauplätzen der "vergessenen Kriege" in Afrika. "Ethnische Säuberungen" wie die gewaltsame Vertreibung der Kosovo-Albaner erleiden Menschen in vielen Ländern des Kontinents seit Jahren. Massaker an ganzen Dorfgemeinschaften sind ebenso grausamer Alltag wie Massenvergewaltigungen und riesige Flüchtlingsströme.
In Sierra Leone im Westen wie in Uganda im Osten Afrikas schneiden Rebellen selbst Kindern Ohren, Nasen und Gliedmaßen ab. In Kongo treiben Milizen Dorfbewohner zusammen und töten sie mit Handgranaten. Angewidert, jedoch weitgehend tatenlos schaut der Westen dem Grauen zu.
"Gäbe es derartige Gewaltakte in anderen Teilen der Welt, dann wäre die internationale Antwort unweigerlich eine ganz andere", konstatiert das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS) in seinem jetzt veröffentlichten Jahresbericht. Das zeige die Nato-Reaktion "auf den vergleichsweise geringfügigen Konflikt im Kosovo".
Parallel zur Zunahme der kriegerischen Konflikte in Afrika habe der Westen in den letzten Jahren Bemühungen um deren Überwindung immer mehr reduziert. "Er unterstreicht damit die strategische Bedeutungslosigkeit, die Afrika in seinen Augen hat", stellen die Konfliktforscher des IISS fest. In Afrika tobten derzeit so viele blutige Konflikte, wie sie der Kontinent seit den Unabhängigkeitskämpfen gegen die Kolonialmächte vor drei und vier Jahrzehnten nicht mehr erlebt habe.
Mehr als 20 der 45 Länder südlich der Sahara seien direkt oder indirekt darin verwickelt. Verändert hat sich dabei nach Ansicht afrikanischer Kommentatoren der Charakter dieser Kriege. "Vor allem geht es um Geld", schreibt der Politologe Jacob Akol in der kenianischen Zeitung "Daily Nation".
Weite Gebiete Afrikas seien in die Hände skrupelloser Profiteure gefallen. Das augenfälligste Beispiel ist der Krieg in Kongo, in den sieben Länder Zentral-, Ost- und Südafrikas verwickelt sind. Mit Gold aus Minen im Nordosten Kongos finanzieren sich die Rebellen, die den Sturz des Präsidenten Laurent Kabila anstreben - der selbst durch einen Guerillakrieg gegen Mobutu Sese Seko an die Macht gekommen ist. Ein großer Teil wird an Uganda und Ruanda abgeführt, deren Soldaten auf seiten der Guerilla kämpfen. Stoßrichtung ist seit Monaten die Metropole der kongolesischen Diamantenproduktion. Dort werden die Profite erwirtschaftet, mit denen sich die Führungen Simbabwes, Angolas, Namibias und des Tschad den Einsatz ihrer Truppen auf seiten Kabilas teuer vergüten lassen.
Längst vergangen sind die Zeiten des Kalten Krieges, als der Westen ebenso wie der Ostblock "seine" jeweiligen afrikanischen Führer am Gängelband hatte, als Bürgerkriege noch um polltischer Ziele willen ausgefochten wurden.
Um die Kontrolle über den Bananen-Export und den Viehhandel kämpfen seit acht Jahren zahllose Clan-Milizen in Somalia, wo alle staatlichen Strukturen restlos zerfallen sind. Um Diamanten und Edelhölzer geht es im Bürgerkrieg in Sierra Leone. Tief verwurzelte ethnische Feindschaften wie jene zwischen der Tutsi-Minderheit und der Hutu-Mehrheit in den kleinen Ländern Ruanda und Burundi fachen immer wieder Bürgerkriege an. Selbst die Eitelkeit afrikanischer Führer kann Tausende von jungen Männern auf die Schlachtfelder treiben, wie nach Überzeugung westlicher Diplomaten die persönliche Fehde zwischen den Machthabern Äthiopiens und Eritreas zeigt.